Gerhard Vollmer
Was können wir wissen?
Eigenart und Reichweite
menschlichen Erkennens
Übersicht: Fragen nach Charakter und Umfang menschlicher Erkenntnis haben im Laufe der
Geistesgeschichte zahlreiche Antworten erhalten. Als Resultate solchen
Nachdenkens werden die erkenntnistheoretischen Modelle von Platon, Aristoteles,
Descartes, Locke, Leibniz, Hume und Kant skizziert und aus heutiger Sicht
beurteilt. Das Ergebnis könnte enttäuschen: Sichere Erkenntnis über die Welt
ist uns versagt; all unser Wissen ist Vermutungswissen, vorläufig und fehlbar.
Und doch ist die Erkenntnisfähigkeit des Menschen nicht wertlos; trotz aller
Beschränkungen hat sie ihn zum bisher erfolgreichsten Geschöpf dieser Erde
gemacht. Dieser Doppelaspekt geht in die Evolutionäre Erkenntnistheorie ein.
Sie steht nicht nur mit den Ergebnissen der Einzelwissenschaften in Einklang,
sondern vermag auch zahlreiche erkenntnistheoretische Probleme zu lösen. In
einem kopernikanischen Standortwechsel nimmt sie den Menschen aus seiner
zentralen Stellung als »Gesetzgeber der Natur« heraus und macht ihn zu einem
Beobachter kosmischen Geschehens - das ihn einschließt.
Aufgaben der Philosophie
»Zwar weiß ich viel, doch
möcht' ich alles wissen«, bekennt der eifrige Wagner gegenüber Faust, während
sein Lehrer längst zu der Einsicht gereift ist, »daß wir nichts wissen können«.
»Ich weiß, daß ich nichts weiß«, soll auch Sokrates gesagt haben, und gerade
deshalb sah das Orakel von Delphi in ihm den weisesten aller Griechen.
Was können wir wissen? Diese prinzipielle
Frage beantworten wir nicht, indem wir alles Wissen, alle Erkenntnisse sammeln,
vergleichen und ordnen; dazu müssen wir vielmehr über das Wissen, über die
menschliche Erkenntnis nachdenken. Solches ist die Aufgabe der Philosophie. Was ist Philosophie?
Man kann Philosophie
charakterisieren als »Weiterfragen«, als kritische Untersuchung dessen, was
sonst unkritisch vorausgesetzt wird. Da alles, was Menschen sagen, und
natürlich auch, was Philosophen sagen, kritisch untersucht werden kann, ist das
Feld der Philosophie entsprechend weit. Es ist deshalb sinnvoll, eine
Aufteilung vorzunehmen. So meint Immanuel Kant, der große Philosoph des
achtzehnten Jahrhunderts:
»Das Feld der Philosophie läßt
sich auf folgende Fragen bringen:
1. Was kann ich wissen?
2. Was soll ich tun?
3. Was darf ich hoffen?
4. Was ist der Mensch?
Die erste Frage beantwortet die
Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion und die vierte die
Anthropologie. Im Grunde könnte man aber alles dieses zur Anthropologie rechnen,
weil sich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen« (Logik, 1800, A25).
Heute sind wir geneigt, die
Philosophie eher anders aufzuteilen - z. B. zählen wir die Religion nicht
zu den philosophischen Disziplinen -, und wir würden auch für die
Zuordnung andere Begriffe wählen - statt Metaphysik zum Beispiel Logik,
Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie als Bereiche der theoretischen
Vernunft, Ethik als Bereich der praktischen Vernunft; es bleibt aber richtig,
daß der Mensch im Zentrum aller
philosophischen Betrachtung steht, und Kants Fragestellungen sind immer
noch richtungweisend. Wir werden uns in diesem Beitrag mit seiner ersten Frage
beschäftigen.
Philosophieren heißt
philosophische Probleme entdecken, formulieren und zu lösen versuchen. Gelöste
philosophische Probleme haben allerdings die Neigung, sich zu eigenständigen
Wissensgebieten zu entwickeln, denen man ihren Ursprung kaum noch ansieht. So
sind alle Naturwissenschaften aus der Philosophie hervorgegangen, aber
ebenfalls auch die Logik, die Psychologie, die Soziologie. Und die Kosmologie
ist sogar erst in unserem Jahrhundert zu einer wissenschaftlichen Disziplin
geworden.
Trotzdem bleibt auch für den
Philosophen genug zu tun. Gerade durch die Entstehung der neuzeitlichen
Wissenschaften sind ganz neue Probleme aufgetaucht, Fragen über Wissenschaften und wissenschaftliche Theorien, wie sie von
Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie behandelt werden. Gefragt wird nicht
wie in den empirischen Wissenschaften »Wie sieht die Welt aus?«, sondern »Wie sieht unser Wissen von der Welt aus?«. Erkenntnis- und
Wissenschaftstheorie sind also typische Metadisziplinen.
Zwar stammt die Bezeichnung »Erkenntnistheorie« erst aus dem neunzehnten
Jahrhundert; aber der Katalog erkenntnistheoretischer Probleme ist
wesentlich
älter:
Was ist Erkenntnis? |
Begriffserklärung |
Wie erkennen wir? |
Wege und Formen |
Was erkennen wir? |
Gegenstand |
Wie weit reicht die Erkenntnis? |
Umfang und Grenzen |
Warum erkennen wir gerade so, dies und nur dies? |
Erklärung |
Wie sicher ist unsere
Erkenntnis? |
Geltung |
Worauf beruht ihre
Sicherheit? |
Begründung |
Die Versuche, diese Fragen zu
beantworten, füllen Bibliotheken. Es ist lehrreich, solche Antworten zu kennen
und zu vergleichen. Was können wir daraus lernen? Warum bemühen wir uns
überhaupt um historische Quellen? Genügt es nicht, das heutige Wissen
zusammenzustellen? Es genügt nicht aus mindestens drei Gründen:
Der erste Grund ist die
Einsicht, daß wir eine Theorie erst dann verstehen, wenn wir nicht nur wissen,
was sie behauptet, sondern auch, was sie nicht behauptet und was sie bestreitet
und inwiefern sie ihr Problem besser löst als ihre Konkurrenten. Erst vor dem
Hintergrund von Alternativen erkennen wir die Konturen einer Theorie. Die
Kenntnis und Darstellung der Alternativen dient also der Kontrastverschärfung,
sie erhöht unsere begriffliche Trennschärfe. Konkurrenztheorien sollen nicht
die Kritiksucht befriedigen, sondern darauf aufmerksam machen, wo entscheidende
Unterschiede liegen, wo genauere Formulierungen nötig, Nachprüfungen sinnvoll
und entscheidende Experimente möglich sind.
Der zweite Grund ist die
Feststellung, daß alle Theorien - auch unsere Erkenntnistheorien - vorläufig sind; daß sie sich eines Tages als fehlerhaft und
verbesserungsbedürftig erweisen können. Dann ist es wichtig, alternative
Denkmodelle zu kennen. Wofür wir die frühen Denker, vor allem die Griechen,
bewundern, ist ihr Reichtum an Ideen, an Vermutungen, an kühnen Hypothesen, an
Modellen, über die nachzudenken und zu forschen sich lohnte.
Der dritte Grund ist die
Tatsache, daß gerade in der Philosophie die Entscheidung zwischen
konkurrierenden Theorien besonders schwer fällt oder unmöglich ist. Sie ist
schwierig, wenn unser Wissen zu lückenhaft ist; sie ist unmöglich, wenn es sich
gar nicht um faktische, sondern um normative Fragen handelt. Die Normen werden
nicht in der Natur gefunden; sie sind nicht wahr oder falsch: Sie werden
gesetzt.
Aber gerade hier hat der
Philosoph seine Aufgabe. Er kann analysieren, welche Voraussetzungen einer
Theorie zugrunde liegen; er kann zeigen, welche Folgerungen sie hat; er kann
prüfen, ob die Teile der Theorie miteinander verträglich sind; er kann
darlegen, welche Lösungsvorschläge bereits gemacht wurden; er kann untersuchen,
welche Argumente für das vorliegende Problem relevant sind. Viele Fehler werden
immer wieder gemacht. Der Philosoph kann darauf hinweisen, daß sich bestimmte
Vorschläge längst als undurchführbar erwiesen haben, und kann uns so
vergeblichen Aufwand ersparen.
Um eine Darstellung wichtiger
erkenntnistheoretischer Modelle werden wir uns im folgenden bemühen. Dabei
versuchen wir, historische mit systematischen Gesichtspunkten zu verbinden. Zu
jedem Philosophen betrachten wir eines seiner Hauptprobleme und skizzieren, wie
wir dieses Problem heute beurteilen. Jedes Problem muß sich als Frage
formulieren lassen; die Abschnitte tragen deshalb Titel in Frageform. Um in die
Fülle der Ansichten etwas Ordnung zu bringen, orientieren wir uns zunächst an
der Frage: Woher stammt unser Wissen?
Man wird - erkenntnistheoretisch unbelastet
- geneigt sein zu antworten: Was ich
weiß, habe ich gelernt; ich weiß es aus Erfahrung. Die Quelle allen Wissens ist
also die Empirie. Diese Auffassung
nennt man »Empirismus«.
Bei genauerem Hinsehen wird man
jedoch feststellen, daß man eigentlich viel mehr weiß und kann, als man jemals
selbst erfahren oder gelernt hat. Dies ist bei Tieren und Säuglingen deutlicher
als beim erwachsenen Menschen. Woher wissen Termiten, wie sie ihre Bauten zu
lüften haben? Woher weiß ein Neugeborenes, was es mit einer Mutterbrust
anfangen soll? Woher kennen isoliert aufgewachsene Fische, Vögel oder
Säugetiere ihre Artgenossen? Wir schreiben diese Fähigkeiten dem »Instinkt« zu,
sagen dabei aber im Grunde nicht mehr, als daß diese Informationen eben nicht in einem individuellen Lernprozeß
erworben wurden.
Wenn nun unser Wissen nicht
ausschließlich der Erfahrung entstammt, woher kommt es dann? Vielfach wurde die
Auffassung vertreten, es entstamme dem reinen Denken, der Ratio. Diese Auffassung nennt man »Rationalismus«. So reichen die Möglichkeiten
und auch die tatsächlich gegebenen Antworten vom reinen Empirismus (all unser
Wissen entstammt der Erfahrung) bis zum strengen Rationalismus (all unser
Wissen entstammt dem reinen Denken). Obwohl diese »-ismen« erst in der
Neuzeit ausformuliert wurden, ist es doch sinnvoll, auch frühere Denker in
dieses Schema einzuordnen. Zu den Rationalisten gehören vor allem Platon,
Descartes, Spinoza, Leibniz, Wolff und (in unserer Zuordnung) Kant, zu den
Empiristen Aristoteles, Francis Bacon, Berkeley, Locke, Hume, Mill. Schon die
Namen machen deutlich, daß die kontinentaleuropäische Philosophie eher
rationalistisch orientiert war, während England eine ausgeprägte empiristische
Tradition hat. Allerdings muß man sich klarmachen, daß strenger Rationalismus und
strenger Empirismus keine vollständige Fallunterscheidung bilden; sie spannen
vielmehr ein Spektrum auf, in dem es zahlreiche Zwischenstufen gibt.
Im Dienste einer einfachen und
klaren Ausdrucksweise nennen wir eine Auffassung schon dann rationalistisch, wenn nach ihr
wenigstens Teile unseres Wissens über die Welt dem reinen Denken entstammen.
Dann schließen rationalistische und empiristische Elemente einander nicht aus,
sondern können sich ergänzen. Die Frage »Rationalismus oder Empirismus?« läßt
dann keine Ja-Nein-Entscheidung mehr zu, sondern ist eine Frage der
Abstufung, des Schwerpunkts. Tatsächlich versuchen die meisten späteren
erkenntnistheoretischen Positionen zwischen den Extremen zu vermitteln.
Platon (427-347 v. Chr.)
Platons erkenntnistheoretische
Auffassung hängt eng mit seiner Ideenlehre zusammen. Für ihn sind alle
konkreten, sinnlich erfahrbaren Gegenstände nur Abbilder, nur unvollkommene
Kopien, eigentlich nur Schatten einer höheren Wirklichkeit, nämlich der Ideen. Ein konkreter Stuhl ist nur
Abbild der Idee des Stuhles, ein
gezeichnetes Dreieck nur Stellvertreter für die Idee des Dreiecks, auch eine gute Tat ist nur gut, insoweit sie
teilhat an der Idee des Guten. Die
Ideen haben eine höhere Form von Existenz; sie sind das eigentlich Wirkliche,
ewig und unveränderlich.
Es ist eine philosophische
Streitfrage geblieben, ob es eine derartige höhere Wirklichkeit gibt, ob dem
Allgemeinen, dem »Typ«, tatsächlich eine reinere Form der Existenz zukommt als
dem Einzelnen.
Der Unterscheidung von Idee und
Erscheinung folgend, kennt nun Platon auch verschiedene Erkenntnisarten.
Entsprechend der ontologischen (seinsmäßigen) Höherwertigkeit der Ideen ist
aber nur die Erkenntnis der Ideen wahre Erkenntnis,
während die Erkenntnis der Sinnendinge unvollkommen und trügerisch bleiben muß.
Berühmt ist Platons Höhlengleichnis (Politeia,
514-518), wonach wir Menschen in unserem Streben nach Erkenntnis
vergleichbar sind mit Gefangenen in einer langgestreckten Höhle, die mit dem
Rücken zum Eingang angekettet sind und von der Außenwelt nur Schatten an ihrer
Höhlenwand verfolgen können. Diese Schatten halten sie zunächst naiv für die
Dinge selbst; allein der Weise, der Philosoph, durchschaut diese
perspektivische Situation und bietet uns seine Hilfe, um die Höhle zu verlassen
und die Dinge (also die Ideen) in der blendenden Helligkeit der wirklichen Welt
zu schauen. »Wenn wir je etwas rein erkennen wollen, müssen wir uns vom Körper
losmachen und mit der Seele selbst die Dinge selbst schauen« (Phaidon, 66e).
Solch reine Erkenntnis ist
möglich, weil die Seele unsterblich ist und aus früheren Zuständen und
Verkörperungen Erinnerungen behält, die durch geeignete Anregungen
wiedererweckt werden können. Seine Lehre von der Wiedererinnerung (Anamnesis) veranschaulicht Platon durch die
schöne Szene (Menon, 82c ff), in der Sokrates einem ungebildeten Sklaven eine
geometrische Wahrheit entlockt.
Tatsächlich kann man an
geometrischen Figuren - und allgemeiner an mathematischen Strukturen - Platons Auffassung gut verdeutlichen. Wenn wir einen Satz der Geometrie, etwa
den Satz von der Winkelsumme im Dreieck, beweisen wollen, so zeichnen wir ein
Dreieck hin und benützen es bei der Beweisführung, ziehen Hilfslinien,
vergleichen Winkel und so weiter. Natürlich ist jedes gezeichnete Dreieck
unvollkommen: Keine Seite ist ganz gerade, kein Winkel genau ein rechter, kein
Punkt ohne Ausdehnung. Aber obwohl wir immer nur ein ganz spezielles,
unvollkommenes Dreieck vor Augen haben, beweisen wir daran Sätze über alle Dreiecke, über Dreiecke im allgemeinen,
über das ideale Dreieck. Was wir an
der sinnlich wahrnehmbaren Figur erschlossen haben, das soll zugleich auch für
die Idee des Dreiecks gelten. Deshalb definiert man gerne scherzhaft und doch
durchaus sinnvoll: »Geometrie ist die Kunst, aus falschen Figuren richtige
Schlüsse zu ziehen.«
Was aber in der Mathematik
möglich ist, das sollte nun nach Platon auch in anderen Bereichen menschlicher
Erkenntnis möglich sein. Und weil gerade die Geometrie den Zugang zum Reich der
Ideen zu eröffnen scheint, legt Platon Wert darauf, daß seine Schüler Geometrie
studieren. Der Eingang zu seiner Akademie in Athen trug deshalb die Inschrift:
»Kein der Geometrie Unkundiger sollte hier eintreten!«
Und doch bleibt die Mathematik
für Platon nur Vorbild, nur didaktischer Weg zur wahren Erkenntnis. Das Reich
der Ideen umfaßt ja nicht nur mathematische, sondern auch ganz andere Objekte.
Deshalb erstreckt sich das Ideengefüge, mit dem der menschliche Geist von
Geburt an ausgestattet ist, auch auf nichtmathematische Bereiche, auf Sein und
Nichtsein, Ähnlichkeit und Unähnlichkeit, Gleichheit und Verschiedenheit, auf
das Schöne und Häßliche, auf Gut und Böse. »So daß wir notwendig von diesem
allen die Erkenntnis schon erhalten haben, ehe wir geboren wurden« (Phaidon,
75d).
Was sind Ideen?
Die Frage, ob es angeborene
Ideen gibt - von Platon eindeutig bejaht -, hat Denker aller Zeiten
beschäftigt. Im allgemeinen wird die Existenz angeborener Ideen von
Rationalisten behauptet, von Empiristen bestritten. In jahrhundertelanger Diskussion
konnte jedoch zunächst nicht geklärt werden, was unter »angeborenen Ideen«
eigentlich zu verstehen sei.
Schon der Begriff des
»Angeborenen« blieb umstritten. Unter anderem sollte er bedeuten »von Gott
mitgegeben, bei Geburt eingepflanzt, ererbt, instinktiv, notwendig wahr.«
. Häufig schien er auch nur als Ausflucht, als Scheinerklärung für etwas
schlechthin Mysteriöses zu dienen. Kein Wunder, daß mit ihm auch das Problem
der angeborenen Ideen in Verruf geriet. Denkern des neunzehnten Jahrhunderts,
vor allem Kantianern, erschien dieses Problem als überholt, als unlösbar, als
negativ entschieden oder als Scheinproblem.
In den letzten Jahrzehnten hat
sich diese Situation jedoch grundlegend geändert.
Auf der einen Seite hat die
moderne Biologie, insbesondere die Genetik, klären können, was »angeboren«
bedeutet. Ein Merkmal ist angeboren, wenn
es von Geburt an vorhanden ist; es ist ererbt,
wenn es sich aufgrund der Erbanlagen, also der genetischen Information,
entwickelt .
Instinkte sind heute als
genetisch bedingte, also erbliche Verhaltensmuster
erkannt. Erbkoordinationen, artspezifische Handlungsschemata, Auslöse-
und Antriebsmechanismen, Lernfähigkeiten und Reaktionsnormen sind der
empirischen Forschung zugänglich.
Auf der anderen Seite sind es
vor allem Logik und Sprachphilosophie, die zum Begriff der »Idee« eine Klärung
gebracht haben. Für diesen Terminus gibt es vier qualifizierte Kandidaten,
nämlich Begriffe (z. B.: Sonne,
Mensch, Freiheit), Aussagen (beschreibende
Sätze, Urteile; z. B.: 2 + 2 = 4; Gold glänzt; der physikalische Raum ist
dreidimensional), Normen (Gebote,
Verbote und Erlaubnisse; z. B.: Du sollst nicht töten!) und Wertungen (z. B.: Das Leben ist der
Güter höchstes nicht).
Werte und Normen hängen sehr
eng zusammen. Aber auch zwischen Begriffen und Aussagen und zwischen Aussagen
und Normen bestehen bedeutsame Analogien.
Tabelle 1 belegt den engen
Parallelismus von Definitionstheorie (zuständig für Begriffe), Axiomatik
(zuständig für Aussagen) und Ethik (zuständig für Normen und Werte). Alle vier
Kategorien kommen als Ideen in Betracht; als Träger von Wahrheit allerdings nur
Aussagen. So läßt sich die erkenntnistheoretische Frage nach angeborenen Ideen
endlich hinreichend scharf formulieren: Gibt es genetisch bedingte Information
über die Umwelt? (Für eine Antwort s. den Abschnitt »Gibt es angeborene
Ideen?«.)
Ideen können sein |
Begriffe. |
Aussagen (Urteile). |
Normen. |
Wertungen. |
|||
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Sie werden formuliert in |
Wörtern. |
beschreibenden Sätzen. |
normativen Sätzen. |
Werturteilen. |
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|
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|||
Sie können |
Bedeutung |
wahr sein, |
gelten, |
gelten, |
|||
|
haben, |
|
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und ihre |
Bedeutung |
Wahrheit |
Geltung |
Geltung |
|||
kann durch |
Definitionen |
logische Ableitungen |
logische Ableitungen |
logische Ableitungen |
|||
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auf |
Grundbegriffe |
Axiome |
Grundnormen |
Grundwerte |
|||
zurückgeführt werden. |
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Der Versuch, die |
Bedeutung
von Begriffen |
Wahrheit von Sätzen |
Geltung von Normen |
Geltung von |
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|
Werten |
|
|||||
letztgültig zu sichern, führt
in |
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eine dreifache Sackgasse, |
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das sogenannte Münch- |
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hausen-Trilemma, nämlich |
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entweder in einen unend- |
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lichen Regreß, bei dem |
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|||
man auf der Suche nach |
Definitionen |
Beweisen |
Begründungen |
Begründungen |
|||
immer weiter zurückgeht (er ist praktisch nicht durch- führbar), oder in einen logischen Zirkel, wobei man
auf |
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Begriffe |
Aussagen |
Normen |
Wertungen |
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|||
zurückgreift, die ihrerseits |
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|||
schon als |
definitions- bedürftig |
beweisbedürftig |
begründungs- bedürftig |
begründungs- bedürftig |
|||
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||||
aufgetreten waren (das ist |
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logisch fehlerhaft), oder zu |
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einem Abbruch des Verfah- |
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rens an einem willkürlichen, |
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selbstgewählten Punkt, |
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wobei bestimmte |
Begriffe |
Aussagen |
Normen |
Werte |
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als „selbstevident';
„unmittel- |
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bar einsichtig'; „intuitiv
klar'; |
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„gott- oder naturgegeben" |
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o. ä. bezeichnet werden. |
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Diese Haltung nennt man |
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auch |
Essentialismus |
Dogmatismus |
Naturrechtslehre |
Wertmetaphysik |
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(Platon, |
(Theologie). |
(christl. Theolo- |
(Platon, Scheler, |
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Aristoteles, |
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gie, Grotius, |
N. Hartmann). |
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|
Hegel). |
|
Leibniz). |
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Der einzige Ausweg besteht |
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darin, mit |
undefinierten |
unbewiesenen |
gesetzten |
gesetzten |
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Begriffen |
Sätzen |
Normen |
Werten |
|||
anzufangen, deren |
Bedeutung |
Wahrheit |
Geltung |
Geltung |
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man hypothetisch annimmt, |
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und zu prüfen, wie weit man |
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damit kommt. Auch |
Grundbegriffe |
Axiome |
Grundnormen |
Grundwerte |
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sind also nicht prinzipiell |
undefinierbar, |
unbeweisbar, |
unbegründbar, |
unbegründbar, |
|||
sondern man verzichtet auf |
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ihren) |
Definition, |
Beweis, |
Begründung, |
Begründung, |
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weil man irgendwo anfangen |
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muß. |
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Aristoteles (384-322 v. Chr.)
Aristoteles, Schüler und
Kritiker Platons, beurteilt die Rolle der Sinne wesentlich positiver als sein
Lehrer. Den platonischen Ideenhimmel lehnt er ab. Nur Einzeldinge kommen in der
Welt vor; Gesamtheiten, Klassen, Mengen, »Typen« existieren dagegen nur in
unserem Denken und verschwinden mit ihm. Sinneserkenntnis ist deshalb
keineswegs minderwertig, sondern durchaus zuverlässig; aller Irrtum entstammt
nur der falschen Verbindung der Sinnesdaten im Denken. Deshalb muß auch jede
aus den Sinneseindrücken durch Denken gewonnene Einsicht wieder in der
Erfahrung überprüft werden. So beruft sich Aristoteles, wenn er die Lehren
seiner Vorgänger kritisiert, besonders gern auf die Alltagserfahrung als
widerlegende Instanz.
Das klingt ganz empiristisch.
Aber Aristoteles kennt und vertritt auch Prinzipien, die nicht der Erfahrung
entstammen. Es gebe Grundsätze, die weder durch logischen Beweis noch durch
Beobachtung und Erfahrung, sondern allein aufgrund ihrer Evidenz, ihrer
unmittelbaren Einsichtigkeit, als wahr erkennbar seien und die man als wahr
erkannt haben müsse, bevor man überhaupt Wissenschaft treiben könne. Diese
Grundsätze sind also notwendig im
doppelten Sinne: notwendig wahr und notwendig für Erfahrung.
Auf der höchsten
Allgemeinheitsstufe stehen dabei die ersten Prinzipien der Logik, insbesondere
der Satz vom (ausgeschlossenen) Widerspruch: Es ist unmöglich, daß etwas ist
und zugleich nicht ist (Metaphysik, 1006a). Dieser Satz sei der sicherste von
allen, er gelte voraussetzungslos und sei selbst Grundlage für alles Erkennen
und Argumentieren.
»Was jeder erkannt haben muß,
der irgend etwas erkennen soll, das muß er schon zum Erkennen mitbringen«
(1005b). Dieser Gedanke, wonach gewisse erfahrungsunabhängige (apriorische)
Prinzipien erforderlich sind, damit Erfahrung und Erkenntnis überhaupt möglich
werden, wird uns noch mehrfach begegnen. Vor allem Kant hat die
erfahrungstiftende, die erkenntniskonstitutive Rolle solcher Prinzipien oder
Kategorien betont (s. unten).
Der Satz vom Widerspruch ist
ein Satz der Logik. Aristoteles gilt als Begründer dieser Disziplin.
Tatsächlich dürfte es keine zweite Wissenschaft geben, die von einem einzigen
Manne nahezu aus dem Nichts zu solcher Höhe geführt worden ist. Bis nach 1800
wurde die Aristotelische Logik (die sogenannte »Syllogistik«) zwar verbessert
und ausgebaut, aber nicht wesentlich erweitert. Das verleitete Kant zu der
Vermutung, sie sei als wissenschaftliche Disziplin bereits vollendet.
Erst im neunzehnten Jahrhundert
wurde deutlich, wie unvollkommen und lükkenhaft die Syllogistik doch war. Durch
die Arbeiten von Frege, Russell, Hilbert, Gödel und anderen hat dann die Logik
in unserem Jahrhundert eine neue Blüte erlebt, die -wie es scheint- durchaus
noch anhält. Was leistet die Logik für unsere Erkenntnis der Welt?
Kann
Deduktion unser Wissen erweitern?
Logik ist die Lehre von den
gültigen Schlüssen. Ein Schluß ist
ein Text, in dem von bestimmten Voraussetzungen, den Prämissen, zu einer
Folgerung, der Konklusion, übergegangen wird. Ein Schluß ist gültig, wenn er wahrheitsbewahrend ist, wenn also bei wahren Prämissen auch die
Konklusion wahr ist. Ein gültiger Schluß kann also nie von wahren zu falschen
Aussagen führen; sind alle Prämissen wahr, so ist es auch die Konklusion. Darin
liegt der Wert solcher Schlüsse.
Die Logik untersucht nun, unter
welchen Bedingungen ein Schluß gültig ist. Er kann gültig sein aufgrund von
Tatsachen oder Naturgesetzen (dann ist er faktisch zwingend), aufgrund von
Definitionen (dann ist er analytisch) oder aufgrund seiner Form oder Struktur
(dann ist er formal gültig).
Die formale Logik ist somit die Lehre von den formal gültigen
Schlüssen; das sind jene Schlüsse, die allein aufgrund ihrer Form oder Struktur
gültig sind, unabhängig von der Bedeutung der Begriffe und sogar von der
Wahrheit der Teilaussagen. Solche formal gültigen Schlüsse nennt man deduktiv zwingend oder einfach deduktiv. Ein korrekter Beweis ist also
eine Kette von deduktiven Schlüssen. Die deduktive Schlußweise heißt auch Deduktion.
Deduktive Schlüsse sind zwar
wahrheitsbewahrend (das ist erfreulich); aber sie erweitern unser Wissen nicht
(das ist bedauerlich). In der Konklusion eines deduktiven Schlusses oder
Beweises kann inhaltlich nichts herauskommen, was nicht bereits in den
Prämissen steckte. Möglicherweise sagt die Konklusion sogar weniger als die
Prämissen, niemals aber mehr. Es mag sein, daß wir durch die Konklusion
überrascht werden, daß wir das Ergebnis nicht erwartet hätten. Erwartung und Überraschung sind jedoch keine logischen, sondern psychologische
Phänomene. Diese beiden Aspekte muß man also streng auseinanderhalten. Unter logischem Aspekt kann die Deduktion nur deutlich machen, was in den Prämissen
schon steckt; sie kann den Gehalt entwickeln, erläutern, klarmachen, mehr
nicht.
Deshalb kann die Logik allein
uns nichts über die Welt lehren. In der Konklusion eines Schlusses kann nicht mehr über die Natur ausgesagt sein, als
in den Prämissen - vielleicht von uns unbemerkt - bereits steckte.
Die Logik ist deshalb keine Naturwissenschaft. Auch die logisch wahren Sätze,
die Tautologien, sind wahr allein aufgrund ihrer Form. Zwar scheint der Satz »kein Apfel ist rot und zugleich nicht
rot« etwas über Äpfel auszusagen; in Wahrheit gibt er nur Auskunft darüber, wie
wir Dingen Eigenschaften zu- oder absprechen und wie wir die logischen
Verknüpfungen (»und«, »kein«, »nicht« . . . ) gebrauchen.
Nun könnte man doch hoffen, daß
neben der deduktiven Logik eine andere Logik möglich ist, die es erlaubt, zu
reicheren Aussagen zu kommen. Tatsächlich sieht es so aus, als ob die
Erfahrungswissenschaften über eine solche Methode verfügten
Allgemeine Naturgesetze sagen mehr, als in noch so vielen
Beobachtungen der Vergangenheit enthalten ist. Ein solches Schlußverfahren
könnte man in Analogie zur Deduktion »Induktion« nennen. Schon Aristoteles hat
sich darum bemüht. Auf dieses Problem werden wir in einem späteren Abschnitt
zurückkommen.
Rene Descartes (1596-1650)
Descartes gilt als Begründer
der neuzeitlichen Philosophie. Auch er stellt sich die Frage »Was kann ich
wissen?«. In seinen »Meditationen über die erste Philosophie« (1641) bemerkt
er, daß er im Grunde genommen an allem zweifeln kann, daran, daß er wach ist,
an der Existenz der Welt, an der Existenz anderer Menschen, an der Existenz
seines eigenen Körpers, an allem - außer an der Tatsache, daß er zweifelt. So läßt ihm auch sein
radikaler Zweifel doch noch eine Gewißheit: Er weiß, daß er zweifelt. Wer aber
zweifelt, der denkt; und wer denkt, der muß eben als Denkender auch existieren.
»Cogito, ergo sum«, schließt Descartes, »ich denke, also bin ich«.
Auf diesem Schluß baut er seine
ganze Philosophie auf. Er prüft sein Bewußtsein und findet darin verschiedene
Ideen. Davon seien einige angeboren, andere von außen hinzugekommen, wieder
andere von ihm geschaffen. So sei die Idee von Gott angeboren; angeboren seien
ferner die obersten logischen und mathematischen Ideen. (Descartes' Nachfolger
rechneten noch weitere Prinzipien zu den angeborenen, zum Beispiel den
Pflichtbegriff und den Kausalitätssatz.) Die Idee Gottes als eines vollkommenen
Wesens verbürge nun aber auch dessen Existenz. Und seine Wahrhaftigkeit
garantiere schließlich, daß alles, was uns vollkommen klar und deutlich vor
Augen tritt, auch existiere oder wahr sei.
So gelangt Descartes zuletzt
doch wieder zurück zur Anerkennung der Körperwelt, die er anfangs so hartnäckig
in Frage gestellt hatte. Zu diesem Wissen verhilft ihm allein die Vernunft; er
ist wohl der ausgeprägteste Rationalist der Philosophiegeschichte. Aber ist seine
Argumentation zwingend?
Woher weiß ich, ob ich wach bin?
Descartes' Schlußweise ist
verführerisch und hat viele Bewunderer gefunden. Aber sie enthält logische
Sprünge. Akzeptieren wir einmal das (ebenfalls umstrittene) »cogito, ergo sum«
- was ist damit gewonnen? Können wir daraus weitere Erkenntnisse über die Welt
gewinnen? Letztlich ist sich doch das einzelne zweifelnde, denkende Ich nur
seiner selbst bewußt; alles Weitere bleibt offen. Könnte nicht alles, was wir
empfinden, wahrnehmen, erleben, erkennen, ein Traum sein, eine Fiktion, eine
Ausgeburt unserer Vorstellung, unserer Phantasie?
Tatsächlich kann sich jeder auf
den Standpunkt stellen, daß nur er allein existiere. Diesen Standpunkt nennt
man Solipsismus (vom lateinischen solus ipse = allein [ich] selbst). Die
Gegenposition ist der (ontologische) Realismus,
der die Existenz der Welt anerkennt. Natürlich ist in der Praxis niemand
Solipsist; auch Descartes nimmt die solipsistische Position nur ein, um von ihr
aus zu weiteren Behauptungen über die Welt vorzustoßen. Aber angenommen, jemand
bekennt sich konsequent zu einem theoretischen Solipsismus - könnten wir
ihn widerlegen?
Logisch widersprüchlich ist
sein Standpunkt jedenfalls nicht, behauptet er doch weniger als jeder andere.
Natürlich darf er auch nicht behaupten, daß die Welt nicht existiere; in dieser Hinsicht muß er Agnostiker bleiben, d.
h., er darf nicht vorgeben, irgend etwas über
eine äußere Welt zu wissen. Wir könnten versuchen, ihn zu berühren, ihn zu
zwicken, ihm Widerstandserlebnisse zu bieten oder Schmerzen zuzufügen - er besteht darauf, daß er sich das alles nur vorstellt. Wir weisen ihn darauf
hin, daß er sich mit uns unterhält, während ein konsequenter Solipsist doch
jede Kommunikation einstellen müßte - er aber meint, daß eben auch unsere
Unterhaltung nur ein Produkt seiner Vorstellung sei. Wir deuten an, daß unsere
Einwände doch neu und unerwartet für ihn seien, also nicht von ihm selbst
stammen könnten - er verweist auf Träume, in denen ebenfalls - von
ihm nur vorgestellt - Unerwartetes und Unerwünschtes passiert. Wir
bezeichnen ihn als größenwahnsinnig, wenn er die Werke von Platon, Beethoven,
Einstein alle selbst geschaffen, nämlich sich vorgestellt haben will - und müssen einsehen, daß wir auch mit Vorwürfen nichts erreichen.
Der Solipsist ist weder logisch
noch erkenntnistheoretisch noch durch Hinweise auf Fakten zu widerlegen.
Deshalb können wir auch niemals sicher wissen,
ob wir wach sind. Noch die elementarste Beobachtung, die deutlichste
Wahrnehmung, aber auch die genialste Einsicht könnte geträumt sein. Ein
konsequenter Solipsist akzeptiert nur die Existenz seines eigenen Bewußtseins
in diesem Augenblick - alles andere bleibt für ihn offen. Auch wer - wie der sogenannte Positivist
- immer nur handfeste, »positive« Daten gelten
lassen möchte, der muß eigentlich in diesem strengen Sinne Solipsist sein; der Solipsismus ist der einzig konsequente
Positivismus.
Obwohl dieser Standpunkt nicht
widerlegbar ist, wird er doch von niemandem ernsthaft vertreten. Wir betrachten
es als Scherz, wenn jemand nach einer Fahrt durch die Heide, befragt, ob die
Schafe schon geschoren seien, antwortet: »Auf der mir zugewandten Seite
jedenfalls nicht.« Es ist ein Scherz, weil
man normalerweise so nicht redet. Andererseits müßte der wahre Skeptiker sogar
noch vorsichtiger antworten: »In meiner Erinnerung machten die Schafe, die ich gesehen habe, auf mich zu dem Zeitpunkt, als ich sie sah, auf
der mir zugewandten Seite keinen
geschorenen Eindruck.«
Wer dagegen über seinen
augenblicklichen Bewußtseinszustand hinaus irgend
etwas als real anerkennt, der ist als Solipsist schon nicht mehr
konsequent. Wer zum Beispiel annimmt, er sei wach oder sein Bewußtsein habe
schon vorhin oder gestern existiert, er habe einen Körper, es gebe auch andere
Wesen mit Bewußtsein oder es gebe Steine, Pflanzen, Tiere in der Welt, der ist
kein Solipsist mehr, er ist Realist, und zwar - wenn er diese Annahmen
als hypothetisch und kritisierbar ansieht - hypothetischer Realist. Dann
aber sollte er wiederum konsequent sein und alles als real akzeptieren, wofür
sich vernünftig (das heißt zusammenhängend und willkürfrei) argumentieren läßt.
Denn jeder Schnitt in der Kette der als existierend anerkannten Objekte wäre willkürlich.
Wer beispielsweise sagt »ich
glaube, was ich sehe«, der meint vielleicht, einen besonders selbstkritischen
und deshalb unangreifbaren Standpunkt zu vertreten. Aber natürlich nimmt er
schon die Erscheinungen und die Gesetze der Optik zu Hilfe, insbesondere seine
Augenlinse. Warum sollte er dann aber die Benutzung von Haftschalen
ausschließen, die doch nur die mangelnde Biegefähigkeit der Augenlinse
ausgleichen (wie er sie früher hatte und wie andere sie haben)? Was ist gegen
die Verwendung einer Brille einzuwenden, gegen eine Lupe, ein Mikroskop, ein
Elektronenmikroskop, einen Elementarteilchen-Beschleuniger (der doch
nichts weiter ist als eine Riesenlupe)? Warum sollte man dann die Existenz der
Objekte, die man mit derart bewaffneten Augen »sieht«, bezweifeln? Wer nicht
Solipsist ist, der muß hypothetischer Realist sein!
Der Realist hat auch Kriterien
und Argumente dafür, daß er wach ist. Sie sind, wie wir gesehen haben, nicht
zwingend; aber sie sind vernünftig. Descartes dagegen hoffte, zwingende
Argumente zu haben, indem er sich auf angeborene Ideen, auf die Existenz und
Wahrhaftigkeit Gottes, auf die Klarheit und Deutlichkeit seiner Vorstellungen
berief; aber wie evident auch immer ihm oder uns diese Argumente erscheinen
mögen, zwingend sind sie nicht. Seine Kritiker haben das natürlich deutlich
gesehen, unter ihnen John Locke.
John Locke (1632-1704)
Locke gehört zu den Begründern
des englischen Empirismus. In seinem »Essay concerning human understanding«
(Abhandlung über den menschlichen Verstand) aus dem Jahre 1690 wendet er sich
vor allem gegen die Lehre von den angeborenen Ideen, wie sie Descartes und
seine Anhänger vertreten. »No innate ideas!«, lautet sein Kampfruf. Für ihn ist
die Seele bei der Geburt eines Menschen »weißes Papier, ohne alle
Schriftzeichen, frei von allen Ideen« (2. Buch, I 2), eine tabula rasa, in die Sinneseindrücke eingegraben werden wie in
Wachs.
Locke sieht nun seine Aufgabe
darin zu zeigen, wie die Ideen - da sie ja nicht angeboren sind - nach der Geburt in den Geist des
Menschen hineinkommen. Dazu muß er also an möglichst vielen verschiedenartigen
Beispielen zeigen, wie Sinneserfahrung und Selbstwahrnehmung (äußerer und
innerer Sinn, sensation and reflection) Ideen hervorbringen können, die vorher noch nicht vorhanden waren. Diese
Bemühung macht denn auch einen großen Teil seines Werkes aus. So verteidigt er
den empiristischen Grundsatz, den schon Descartes zitiert (aber natürlich
verworfen) hat: »Nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensu«
(Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen gewesen wäre).
Aber damit ist es natürlich
nicht getan. Selbst der Nachweis, daß alle Ideen individuell erworben oder
konstruiert sein könnten, läßt noch
die Möglichkeit offen, daß einige Ideen gleichwohl bei Geburt schon vorhanden
sind. Locke muß deshalb auch Argumente vorbringen, die gegen das Angeborensein
sprechen. Hierin ist er allerdings weniger erfolgreich. Leibniz hat diese
Schwächen erkannt und versucht, Locke zu widerlegen (s. unten den Abschnitt
über Leibniz).
Obwohl nun unsere Ideen nur
durch Anstoß von außen zustande kommen, ist doch keineswegs sichergestellt, daß
sie die Außenwelt auch richtig abbilden. Unsere Empfindungen sind ja nur
Wirkungen äußerer Gegenstände; die Ideen, die daraus im Gehirn entstehen, sind
nicht nur nicht die Dinge selbst, sondern sie brauchen diesen nicht einmal zu
gleichen. Locke trifft deshalb eine wichtige Unterscheidung:
»Die Eigenschaften der Körper
sind: Erstens solche, die vom Körper völlig untrennbar sind, in welchem Zustand
er auch sein mag; die er bei allen Veränderungen, Verwandlungen und Kräften,
denen er unterliegt, konstant beibehält . .. Diese nenne ich ursprüngliche oder primäre Qualitäten eines Körpers .. . nämlich Festigkeit,
Ausdehnung, Gestalt, Bewegung oder Ruhe, und Zahl. Zweitens solche
Eigenschaften, die in Wahrheit nichts in den Gegenständen selbst sind, sondern
nur das Vermögen, vermittels ihrer primären Qualitäten ... in uns
verschiedenartige Empfindungen hervorzurufen, zum Beispiel Farben, Töne,
Geschmacksarten und so weiter. Diese nenne ich sekundäre Qualitäten« (2. Buch, VIII 9.10.).
Die primären Qualitäten sind
also wirkliche, reale Eigenschaften der Dinge, sie sind objektiv; wir nehmen sie so wahr, wie sie sind. Die sekundären
Qualitäten sind dagegen durch unsere Sinnesorgane bedingt; sie sind subjektiv; sie gehören nur zur
Erscheinung, nicht zu den Dingen selbst. Körper, die wir blau nennen, sind nicht blau, sondern werden von uns
nur blau gesehen. Auch Wärme ist
nicht objektive Eigenschaft eines Körpers, sondern nur die Weise, wie wir die
Bewegung seiner kleinsten Teilchen empfinden.
Gibt es
objektive Erkenntnis?
Es war geistesgeschichtlich
eine große Entdeckung, und es ist auch für jeden Menschen ein tiefgreifendes
Erlebnis festzustellen, daß die Welt anders ist, als sie uns erscheint. Die
Wende vom naiven Realismus (»die Welt ist so, wie ich sie sehe«) zum kritischen
Realismus ist viel einschneidender als die nachfolgende Frage, wie sehr verschieden von unserer naiven
Vorstellung die Welt denn nun eigentlich sei. 1m ersten Fall handelt es sich um
einen qualitativen Sprung, einen Gestaltwandel, eine neue Dimension des
Erlebens; im zweiten Fall nur um eine quantitative Entscheidung, um ein Mehr
oder Weniger, um die Strenge der kritischen Haltung.
Die Frage aber, welche Qualitäten nun objektiv (primär)
und welche subjektiv (sekundär) seien, hat ganz verschiedene Antworten
gefunden. Mit wachsendem Erkenntnisfortschritt wurden mehr und mehr
Eigenschaften als subjektiv erkannt. So gilt Locke die Undurchdringlichkeit als primäre Qualität. Sie ist jedoch nur eine
relative und überdies makroskopische Eigenschaft; es hängt von den aufgewandten
Energien ab, ob der betreffende Körper gespalten wird. Die Feldauffassung der
Materie hat die Vorstellung der Undurchdringlichkeit endgültig zerstört: Felder
können einander durchdringen. Nicht einmal Ausdehnung
bleibt als primäre Qualität erhalten; die theoretischen Modelle der
Elementarteilchenphysik behandeln Leptonen (Elektronen, Neutrinos . .. ) und
Quarks erfolgreich als punktförmig.
Auch der Euklidische Raum und die Newton-Zeit sind ihres
Absolutcharakters entkleidet. Länge und Masse eines Körpers, die Zeitdauer
zwischen zwei Ereignissen, Gleichzeitigkeit und Zeitordnung, alle hängen vom
Bezugssystem ab, von dem aus gemessen wird.
Was bleibt dann eigentlich an
Objektivem noch übrig? Wir glauben, die Welt zu erkennen, und finden nichts als
Subjektivität. Landen wir zuletzt doch im Solipsismus, der alle Erkenntnis für subjektiv erklärt?
Zunächst einmal muß man wissen,
daß die Relativitätstheorie keineswegs alles relativiert; die Theorie zeigt
auch, welche Größen absolut sind,
also nicht vom Bezugssystem, insbesondere nicht von der Geschwindigkeit des
Beobachters, abhängen: Ruhlänge, Eigenzeit, Ruhmasse, Raumzeit-Intervalle,
Lichtgeschwindigkeit, Lichtkegel, Zeitordnung von Kausalketten. Diese
Strukturen sind invariant gegenüber
einem Wechsel des Bezugssystems.
Ferner hat die moderne
Wissenschaftstheorie gezeigt, daß es sinnvolle Objektivitätskriterien gibt; das
sind vor allem Intersubjektivität, Unabhängigkeit vom Bezugssystem, Unabhängigkeit
von der experimentellen Methode und Unabhängigkeit von Konventionen. Alle diese
Eigenschaften lassen sich als Invarianzkriterien formulieren. Der Invarianzbegriff ist der Schlüssel zu
einem vernünftigen Objektivitätsbegriff.
Allerdings muß man klar sehen,
daß alle diese Kriterien nicht ausreichen, um die Objektivität einer Struktur
oder einer Aussage zu garantieren oder zu beweisen; sie sind notwendig, aber
nicht hinreichend für Objektivität. Objektivität kann niemals - auch
nicht mit anderen Mitteln - endgültig und zweifelsfrei festgestellt
werden. Objektive Erkenntnis, also Wissen über die Welt, wie sie ist (und nicht
nur, wie sie uns erscheint), ist danach zwar möglich und existiert vermutlich
auch; aber keine Erkenntnis ist endgültig als objektiv ausweisbar. Dies hat
schon Xenophanes (etwa 577‑-485 v. Chr.) gewußt:
»Nimmer noch gab es den Mann,
und nimmer wird es ihn geben, der die Wahrheit erkannt von den Göttern und
allem auf Erden. Denn auch wenn er einmal das Rechte vollkommen getroffen,
wüßte er selbst es doch nicht. Denn nur Wähnen [hypothetisches Wissen] ist uns
beschieden« (Fragment 34).
Gottfried Wilhelm
Leibniz (1646-1716)
Lockes Betrachtungen haben
Leibniz zu seinen 1704 erschienenen »Nouveaux essais sur 1'entendement humain«
(Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand) angeregt. In Titel,
Gliederung und sogar in der Terminologie lehnt er sich deshalb eng an das Werk
»des berühmten Engländers« an.
»Allerdings bin ich oft ganz
anderer Ansicht als er ... Sein
System hat mehr Beziehung zu Aristoteles und das meinige zu Platon ... Es handelt sich darum zu wissen, ob
die Seele an und für sich ganz leer ist, gleich einem noch unbeschriebenen
Blatt (tabula rasa), wie Aristoteles und [Locke] annehmen, und ob alles, was
darauf verzeichnet ist, einzig von den Sinnen und der Erfahrung herrührt; oder
ob die Seele ursprünglich die Prinzipien verschiedener Begriffe und Lehrsätze
enthält, welche die äußeren Gegenstände nur bei Gelegenheit in ihr wieder
erwecken, wie ich in Übereinstimmung mit Platon, ja selbst der Scholastik
glaube« (Vorrede).
Das Bild der Wachstafel, das
die empiristische Position verdeutlichen soll, zeigt zugleich ihre Schwäche.
Denn auch wenn die Tafel noch keine Schriftzeichen trägt, so hat sie doch von
vornherein eine gewisse Struktur, vor allem eine ganz spezielle Oberfläche.
Es hängt also wesentlich von
der Tafel ab, wozu sie dienen kann: Für eine Wachstafel braucht man einen
Stift, für eine Schiefertafel Griffel, für eine Wandtafel Kreide, für Papier
Bleistift oder Tinte, für eine Leinwand einen Projektor. Analog gilt: Welche
Signale als Sinneseindrücke verarbeitet werden, das hängt auch von Art und Zahl
der Sinnesorgane ab. Offenbar liegt hier eine gewisse Bereitschaft vor, eine
Art Passung von Signal und Empfänger.
Mindestens diese Passung muß vorausgesetzt werden, wenn auf der Tafel Zeichen,
beim Menschen Sinneseindrücke und Erkenntnisse zustande kommen sollen. Leibniz
zieht es deshalb vor, die Seele mit einem Stück Marmor zu vergleichen, das
durch seine Adern bereits die Gestalt des Herkules anzeigt, »und Herkules wäre
ihm in gewissem Sinne wie eingeboren ... In dieser Weise sind uns die Ideen und
Wahrheiten eingeboren als Neigungen, Anlagen, Fertigkeiten oder natürliche
Kräfte« (Vorrede).
Wenn Locke die Maxime vertritt,
es gebe nichts im Verstande, was nicht vorher in den Sinnen gewesen wäre, so
fügt Leibniz dem hinzu: »nisi intellectus ipse« (außer dem Verstand selbst).
Zur Begründung stützt er sich auf das Argument, dem wir schon bei Aristoteles
begegnet sind, daß nämlich der Verstand, um zur Erkenntnis befähigt zu sein,
gewisse Eigenschaften schon mitbringen müsse.
Die Auseinandersetzung zwischen
dem Empiristen Locke und dem Rationalisten Leibniz konnte nicht fortgesetzt
werden, da Locke im Entstehungsjahr der »Neuen Abhandlungen « starb.
Gibt es
angeborene Ideen?
Zu Inhalt und Umfang erblicher
Umweltinformation kann man natürlich sehr verschiedene Bekenntnisse ablegen.
Heute erscheint es angebracht, in dieser Frage ein Tatsachenproblem zu sehen, das nach Möglichkeit durch empirische
Untersuchungen gelöst werden sollte.
Grundsätzlich kann man in allen
Bereichen geistiger Aktivität nach angeborenen Strukturen fragen. Auch
ethische, ästhetische, soziale Strukturen können angeboren sein. Wir
beschränken uns jedoch hier auf den kognitiven Bereich, also auf das
Erkenntnisvermögen. Gibt es erbliche Information über die Welt?
Daß es sie gibt, läßt sich bei
Tieren durch Isolierungsexperimente, Kreuzungsversuche, Artvergleich und
Attrappenversuche belegen. Beim Menschen kann man diese Methoden nur bedingt
anwenden. Hier liefern jedoch genetische Studien (Verwandtenanalyse, vor allem
Zwillingsforschung), Entwicklungspsychologie, Sinnesphysiologie, Neurobiologie,
Verhaltensforschung, Spracherwerbsforschung und vergleichende Kulturanthropologie
deutliche Belege.
Angeboren sind Bewegungssehen,
Farbwahrnehmung und Zeitempfinden; angeboren ist das räumliche Sehen, also die
Fähigkeit, zweidimensionale Netzhautbilder dreidimensional zu interpretieren,
und die Scheu vor der Tiefe; angeboren sind vor allem auch die
Konstanzleistungen, die es erst erlauben, Objekte wiederzuerkennen, die Welt zu
»objektivieren«, Klassen und Begriffe zu bilden; angeboren ist die »Kenntnis«
menschlicher Gesichter, Lächeln und Wutmimik, das optische Fixieren einer
Schallquelle (auch bei blindgeborenen Kindern!); angeboren sind die
Sprachfähigkeit und das Bedürfnis zu sprechen, möglicherweise auch einige
grundlegende grammatische Strukturen; teilweise angeboren sind Intelligenz,
Musikalität, logische Strukturen, zum Beispiel der modus ponens (wenn A, so B;
nun A; also B), biologisch realisiert durch die Fähigkeit, bedingte Reflexe
auszubilden; elementare mathematische Strukturen (z. B. Gruppenstrukturen und
Invariantenbildung), möglicherweise auch das kausale Denken.
Daß das Gehirn bei Geburt keine strukturlose tabula rasa ist, belegen auch die Ergebnisse der Gehirnforschung.
Die Verbindungen zwischen den Nervenzellen, die für die »Verschaltung« des
Gehirns und damit für seine Leistungsfähigkeit entscheidend sind, werden zum
Teil schon vor der Geburt, zum größten Teil in den drei ersten Lebensmonaten
und nur zu einem geringen Teil erst später ausgebildet. Auch diese Vernetzung
erfolgt größtenteils nach einem genetisch festgelegten »Schaltplan«, der durch
die individuellen Erfahrungen nur abgerufen wird. Es wäre - um einmal ein
moderneres Bild zu gebrauchen - bei all diesen Befunden gänzlich abwegig,
das Gehirn bei Geburt als einen Computer anzusehen, der erst allmählich
programmiert würde. Die meisten Programme sind vielmehr bei Geburt längst
eingebaut; die spätere subjektive Erfahrung liefert nur noch die für die
einzelnen Individuen unterschiedlichen Daten für die nahezu fertigen Programme.
Die Frage, ob es angeborene
Ideen gibt, läßt sich somit auch für den Menschen positiv beantworten. Damit
ist der strenge Empirismus widerlegt. Das bedeutet natürlich nicht, daß unser gesamtes Wissen angeboren wäre; auch der
strikte Rationalismus hat sich längst als falsch erwiesen. Es bedeutet überdies
nicht, daß alle Umweltinformation, die wir bei Geburt mitbringen, auch korrekt
sein müßte. Vielmehr könnten wir auch
ausschließlich mit Fehlurteilen beladen zur Welt kommen. Tatsächlich sind aber
die angeborenen Erwartungen an unsere Umwelt unter normalen Bedingungen
durchweg brauchbar und meistens auch korrekt. Wie kommt es zu dieser Passung?
Wie kommt es, daß die subjektiven Erkenntnisstrukturen, die wir mitbringen, so
gut auf die Realität passen, mit ihr sogar teilweise übereinstimmen? Leibniz
erklärt diese Passung durch eine gottgefügte »prästabilierte Harmonie«. Gibt es
dafür keine wissenschaftliche Erklärung? Wir werden sie im Abschnitt
»Evolutionäre Erkenntnistheorie« zu geben versuchen.
David Hume (1711‑1776)
In seinem Hauptwerk aus dem
Jahre 1748 »An enquiry concerning human understanding« (Eine Untersuchung über
den menschlichen Verstand) setzt Hume die Tradition des Empirismus fort. In der
Analyse der komplexen Ideen und vor allem in seiner Kritik der herkömmlichen
Metaphysik ist er jedoch wesentlich gründlicher und scharfsinniger als Locke.
Hatte jener seine Überzeugung »Keine angeborenen Ideen!« zum Dogma erhoben, so
gesteht Hume die Existenz angeborener Ideen durchaus zu. Insbesondere beruhe
das Folgern aus der Erfahrung, das Schließen von der Vergangenheit auf die Zukunft,
auf einer Gewohnheit, die nicht mit
rationaler Deduktion gleichzusetzen sei. Da solches Schließen lebenswichtig
ist, wäre es unzweckmäßig, wenn es unserem langsamen und unzuverlässigen
Verstand anvertraut wäre. »Es entspricht mehr der gewöhnlichen Weisheit der
Natur, einen so notwendigen Geistesakt durch einen Instinkt oder eine
mechanische Tendenz sicherzustellen« (V. 2).
Diese »mechanische Tendenz«,
diesen Instinkt, haben wir mit den Tieren gemeinsam. Es ist deshalb durchaus
konsequent, wenn Hume einen Abschnitt »Über die Vernunft der Tiere« aufnimmt.
»Obwohl die Tiere einen großen
Teil ihrer Kenntnis aus der Beobachtung erlernen, gibt es doch noch einen
anderen großen Teil, den sie aus der Hand der Natur ursprünglich empfangen, der
bei weitem ihre gewöhnlichen Fähigkeiten übersteigt und worin sie auch durch
die längste Übung und Erfahrung nur geringe oder gar keine Fortschritte machen.
Wir bezeichnen das als Instinkt und bewundern es gerne als etwas ganz
Außerordentliches und durch keine Untersuchung des menschlichen Verstandes
Erklärbares. Aber unser Staunen wird vielleicht aufhören oder nachlassen, wenn
wir bedenken, daß unser Folgern aus der Erfahrung, das wir mit den Tieren
gemeinsam haben und von dem die ganze Lebensführung abhängt, selbst nichts anderes
ist als eine Art Instinkt oder mechanische Kraft, die - uns selbst
unbekannt - in uns wirkt« (IX.).
Trotzdem bleibt es erstaunlich,
daß Tiere wie Menschen meistens gerade jene Ereignisfolgen erwarten, die dann auch tatsächlich eintreten. »Hier gibt es also
eine Art prästabilierter Harmonie zwischen dem Naturablauf und der Abfolge
unserer Vorstellungen« (V.). Aber Bezeichnungen wie »Weisheit der Natur« oder
»prästabilierte Harmonie« erklären natürlich nichts. Hume deutet zwar an, daß
diese Übereinstimmung notwendig sei »zur Erhaltung unserer Art« (V.), läßt aber
offen, wie sie zustande gekommen sein könnte. Bis zur Entwicklung einer
Evolutionstheorie, die dieses Problem lösen könnte, sollten ja noch Jahrzehnte
vergehen.
Auf eines jedoch weist Hume
besonders hin. Auch unsere psychologisch oder gar biologisch bedingte
Gewohnheit, von der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen, liefert kein
zuverlässiges Wissen. Was immer wir bisher erlebt haben, wie bereitwillig wir
auch aus der Vergangenheit lernen mögen und wie oft sich unsere Erwartungen
auch erfüllt haben - eine Garantie oder Sicherheit oder Notwendigkeit
ergibt sich daraus nicht. Im Hinblick auf die Erkenntnis der Welt zählt für den
Empiristen Hume allein die Erfahrung; die Erfahrung aber kann keine
Notwendigkeit verbürgen. So geht Hume mit den traditionellen Lehren über
Substanz und kausale Notwendigkeit hart ins Gericht.
Humes Kritik richtet sich auch
gegen die Lehre von der Induktion. Die »induktive Methode« war von Francis
Bacon (1561-1626) entwickelt worden. Bewußt hatte er den logischen
Hauptschriften des Aristoteles, dem »Organon«, 1620 sein »Novum Organum«
gegenübergestellt, mit dem er die wissenschaftliche Methode zu revolutionieren
hoffte. Die Induktion soll es erlauben, von Bekanntem auf Unbekanntes zu
schließen, von endlich vielen vergangenen Beobachtungen etwa auf den nächsten
Einzelfall, auf alle zukünftigen Fälle oder sogar auf ein allgemeines Gesetz
(und damit auf alle einschlägigen
Fälle, vergangene und zukünftige).
Eine solche Methode wäre
natürlich hochwillkommen. Sie würde unsere Frage beantworten, woher wir so viel
wissen, wie wir wissen. Sie würde die Kluft zwischen der beschränkten und
lückenhaften individuellen Erfahrung und unserer Kenntnis allgemeiner
Naturgesetze überbrücken. Während die Deduktion unser Wissen nicht vermehrt,
sondern allenfalls verdeutlicht (s. oben), würde die Induktion unsere
Erkenntnis erweitern. Sie würde nicht nur unser Wissen rechtfertigen, sondern
uns darüber hinaus anleiten, neues Wissen zu erlangen. Somit würde sie sowohl
das Gebäude wissenschaftlicher Erkenntnis sichern als auch den
Erkenntnisfortschritt garantieren.
Gibt es
induktive Schlüsse?
Bacon hat seine Vorstellungen
so begeistert und begeisternd vorgetragen, daß die Erfahrungswissenschaften bald
als »induktive Wissenschaften« bezeichnet wurden. Den von Bacon erhofften
Siegeszug haben zumindest die Naturwissenschaften auch tatsächlich angetreten.
Trotzdem haben sich die Zweifel vermehrt, ob es so etwas wie Induktion
überhaupt gibt.
Um diese Frage zu klären, muß
man verschiedene Aspekte unterscheiden. Der logische
Anteil des Induktionsproblems läßt sich dabei kurz und klar formulieren in
der Frage: Gibt es wahrheitsbewahrende Erweiterungsschlüsse? Gibt es also
Schlüsse, die bei wahren Prämissen (Voraussetzungen) immer auch zu wahren
Folgerungen führen und die gleichzeitig eine Erweiterung unseres Wissens
bedeuten? Es gibt sie nicht!
Zunächst einmal muß man darauf
hinweisen, daß zahlreiche, für selbstverständlich gehaltene, induktive
Verallgemeinerungen sich als Fehlschlüsse erwiesen haben. So galten folgende
Sätze lange Zeit als »induktiv gesichert«: Alle Schwäne sind weiß. (In
Australien fand man dann aber schwarze Schwäne.) Die Sonne geht
durchschnittlich alle 24 Stunden auf. (Das gilt jedoch nicht jenseits der
Polarkreise.) Alle Lebewesen müssen sterben. (Einzeller müssen jedoch nicht
sterben; sie teilen sich; es gibt keine Leiche.) Brot ernährt. (Humes
Paradebeispiel: In Frankreich starb nahezu ein ganzes Dorf an
Mutterkornvergiftung.) Alle Lebewesen sind entweder Pflanzen (autotroph) oder
Tiere (heterotroph). (Der Einzeller Euglena
kann seine Lebensweise umstellen.) Metalle sind schwerer als Wasser. (Die
1807 entdeckten Alkali-Metalle [Na, K . . . ] sind leichter.)
Wer nun überhaupt induktive Schlüsse
anerkennt, der müßte sich demnach sagen: Meine Erwartungen haben sich in der
Vergangenheit häufig als falsch erwiesen; also werden sie sich auch in der
Zukunft häufig als falsch herausstellen. Wir müssen - logisch gesehen - bei jeder induktiven Verallgemeinerung
prinzipiell damit rechnen, daß sie sich im nächsten Einzelfall als falsch
erweist.
Man wird einwenden, daß ein
solches Verhalten doch durch die Naturgesetze
ausgeschlossen sei. Aber woher wissen wir denn, daß die von uns erkannten
und formulierten Naturgesetze gelten? Wir haben sie ja nur in der Vergangenheit
überprüfen können und wissen nicht, ob sie auch in der Zukunft noch anwendbar
sind.
Man wird darauf hinweisen, daß
die Natur eine gewisse Konstanz und Gleichförmigkeit aufweise. Aber auch das wissen wir natürlich nur hinsichtlich
der Vergangenheit; die Gleichförmigkeit der Natur könnte morgen durchbrochen sein.
Man wird betonen, daß sich
bisher die Erwartung, die Natur werde sich gesetzmäßig verhalten, bestens bewährt habe. Aber auch diese - wahre - Feststellung garantiert natürlich nicht, daß solche Erwartungen
sich auch in Zukunft bewähren müßten.
Man wird einwenden, daß
induktive Schlüsse doch wenigstens eine gewisse Wahrscheinlichkeit böten, daß also die Konklusion (Folgerung) eines
induktiven Schlusses zwar nicht sicher, aber immerhin wahrscheinlich sei.
Interpretiert man jedoch »Wahrscheinlichkeit« in der hier einzig sinnvollen
Weise, nämlich als »Häufigkeit« , dann ist doch das Wahrscheinliche das, was bisher immer oder häufig eingetreten
ist; aber woher wissen wir, daß das bisher Häufige auch in Zukunft häufig sein
wird? Wir könnten es allenfalls durch ein höheres Induktionsprinzip
sicherstellen, wonach vergangene Häufigkeiten auch für die Zukunft gelten. Wie
aber sollten wir dann dieses noch umfassendere Induktionsprinzip begründen?
Man wird schließlich zu
bedenken geben, daß doch die Mathematiker in der sogenannten »vollständigen
Induktion« ein Verfahren besäßen, allgemeine Aussagen (z. B. »Für alle natürlichen Zahlen n gilt 1+2+. . .+n=n
(n+1)«) zu beweisen. Die mathematische Induktion ist jedoch nur dann anwendbar,
wenn vorher eigens bewiesen wird, daß
man von n auf n+ 1 übergehen darf. Dieser Induktionsschritt ist eine Voraussetzung (neben anderen) für den
logisch-mathematischen Induktionsschluß, und gerade diese Voraussetzung
ist bei Aussagen über die Welt nicht erfüllt, sondern sollte ja durch
Induktionsprinzipien erst sichergestellt werden.
Wie immer wir einen induktiven
Schritt zu rechtfertigen versuchen, wir müssen dazu die Gültigkeit dieses oder
eines anderen Induktionsprinzips schon voraussetzen.
Wir geraten somit in einen Zirkel oder in eine unendliche Begründungskette
(s. den Abschnitt »Was sind Ideen?«). Aber weder Zirkel noch infiniter Regreß
sind logisch zulässig.
Das Induktionsproblem ist also,
soweit es ein logisches Problem ist, gelöst; induktive Schlüsse oder
Prinzipien, die irgendeine logische Symmetrie zu deduktiven Schlüssen
aufweisen, die also ‑ wie deduktive Schlüsse ‑ wahrheitsbewahrend,
zugleich aber - im Gegensatz zu den deduktiven Schlüssen - gehalterweiternd sind, gibt es nicht. Was
Aristoteles oder Francis Bacon vorschwebte - eine zuverlässige Methode,
induktiv zu allgemeinen Aussagen über die Welt zu gelangen -, das ist
unmöglich.
Diese Einsicht schließt freilich
nicht aus, daß wir uns - in Ermangelung besserer Information - bei
unseren Erwartungen für die Zukunft psychologisch und forschungsstrategisch auf
unser Wissen über die Vergangenheit stützen. Das tut schon jeder Organismus,
wenn er sich auf gewisse konstante Umweltbedingungen einstellt; es geschieht
beim bedingten Reflex (s. den Beitrag von K. Steinbuch in diesem Band); es ist
Grundlage allen Lernens aus Erfahrung. Das Induktionsproblem hat also neben der
logischen Seite noch biologische, psychologische und methodologische Aspekte.
Immanuel Kant (1724 - 1804)
Kant wächst zunächst in der
Tradition des Leibniz-Wolffschen Rationalismus auf. Durch Hume fühlt er
sich jedoch »aus dogmatischem Schlummer« geweckt. Er sieht, daß Hume mit seiner
empiristischen Kritik an den zeitgenössischen Lehren über Raum und Zeit,
Induktion und Kausalität, Substanz und Notwendigkeit durchaus recht hat, will
sich aber mit dessen skeptischen Antworten nicht abfinden. In seinem Hauptwerk
»Kritik der reinen Vernunft« (1781, 1787) sucht er eine neue Möglichkeit, die
Passung zwischen subjektiven Erkenntnisstrukturen und objektiven Strukturen
(der Realität) zu erklären.
»Nun sind nur zwei Wege, auf
welchen eine notwendige Übereinstimmung
der Erfahrung mit den Begriffen von ihren Gegenständen gedacht werden kann:
entweder die Erfahrung macht diese Begriffe, oder diese Begriffe machen die
Erfahrung möglich« (B 166).
Der erste Weg ist der des
Empirismus. Ihn hält Kant für unannehmbar, weil dann den Begriffen und
Grundsätzen des Verstandes die Notwendigkeit abgehen würde, die sie für Kant
unzweifelhaft haben. Daß die Erfahrung uns nicht über die Notwendigkeit einer Abfolge belehren könne, eben dies hat Kant von
Hume gelernt. Wenn nun aber die Anschauungsformen Raum und Zeit und die Kategorien
und Grundsätze des reinen Verstandes doch eine solche Notwendigkeit besitzen,
dann muß diese eben anders erklärt werden. Dazu sieht Kant nur noch einen Weg.
»Bisher nahm man an, alle
unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche,
über sie a priori etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis
erweitert würde, gingen unter dieser Voraussetzung zunichte. Man versuche es
daher einmal, ob wir nicht mit den Aufgaben der Metaphysik damit besser
fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserer
Erkenntnis richten ...
Es ist hiermit ebenso, als mit
den ersten Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung
der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze
Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen
möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen die Sterne in Ruhe ließ.
In der Metaphysik kann man nun, was die Anschauung der Gegenstände betrifft, es
auf ähnliche Weise versuchen« (Vorrede, B XVI f).
Diese Alternative hat Kant nun
ausgearbeitet. Danach bringt jeder Mensch bereits fertige Strukturen mit, die
Erfahrung erst ermöglichen. Wir bekommen also
Erfahrung, indem wir im eigentlichen Wortsinne Erfahrungen machen. Alles, was wir dann an Strukturen in der Erfahrung zu
finden glauben, das haben wir selbst eingebaut. »Der Verstand schöpft seine
Gesetze (a priori) nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor«
(Prolegomena, § 36).
Dieser Standortwechsel, den Kant
offenbar als eine kopernikanische Wende sieht, beantwortet erstens die Frage, warum Erkenntnis und Welt so gut aufeinander
passen: weil nämlich die Erfahrungswelt weitgehend ein Produkt des Verstandes
ist. Statt die Natur zu befragen, können wir also auch unsere eigene
Erkenntnisfähigkeit untersuchen; gerade deshalb nennt Kant ja sein Hauptwerk
»Kritik der reinen Vernunft«. Durch eine solche Untersuchung würden wir die
allgemeinsten Naturgesetze auffinden.
Kants Theorie erklärt also zweitens, wie wir vor aller Erfahrung (a priori) Kenntnis von den Gegenständen der
Erfahrung und von den Strukturen der Natur haben können. Die Struktur der
erfahrbaren Welt ist euklidisch, genügt also der von Euklid formulierten
Geometrie - weil unsere Raumanschauung euklidisch ist und andere
Strukturen als euklidische deshalb gar nicht angeschaut oder vorgestellt werden
können. Alles, was wir erleben, folgt
dem Gesetz von Ursache und Wirkung - weil wir außerhalb der Kausalität gar
keine Erfahrung machen können.
Ohne Anschauungsformen und
Kategorien wäre Erfahrung gar nicht möglich; diese Erkenntnisstrukturen sind
konstitutiv für Erfahrung, erfahrungstiftend. Deshalb gelten sie für jede
mögliche Erfahrung, allgemein und notwendig. Kants Standortwechsel erklärt also
drittens, warum wir allgemeingültige
und notwendig wahre Naturgesetze finden und formulieren können. Das war seine
selbstgestellte Aufgabe: die allgemeine und notwendige Geltung der
mathematischen und naturwissenschaftlichen Sätze zu erklären, wie sie ihm in
der zeitgenössischen Wissenschaft, insbesondere der so zwingend arbeitenden
Geometrie und der erfolgreichen Newtonschen Physik begegneten.
Nun taugen die Kategorien für
die Erfahrung, aber auch nur für die
Erfahrung. Auf Ideen außerhalb menschlicher Erfahrung sind sie nicht anwendbar.
Insbesondere können die Themen der Metaphysik - Gott, Welt, Seele,
Freiheit und Unsterblichkeit - damit nicht erfaßt werden. Auch über die
Welt, soweit sie nicht Gegenstand unserer Erfahrung ist, über das »Ding an
sich«, wissen wir nichts. Wenn wir trotzdem versuchen, die Verstandesbegriffe
auf solche Themen anzuwenden, so verwickeln wir uns leicht in Widersprüche.
Kants Theorie erklärt also viertens, warum
wir immer wieder auf Widersprüche stoßen, wenn wir über die zeitliche oder
räumliche Endlichkeit beziehungsweise Unendlichkeit der Welt, über die letzten
Bausteine der Materie, über Kausalität und Freiheit, über Zufall und
Notwendigkeit nachdenken oder gar die Existenz Gottes beweisen wollen.
Die Frage liegt nahe, ob uns
die Strukturen, die wir nach Kant zur Erkenntnis beisteuern (Anschauungsformen,
Verstandesbegriffe, Vernunftideen), angeboren sind. Das würde immerhin
erklären, warum sie für alle Menschen gleich und verbindlich, also
intersubjektiv sind. Wäre dies nicht auch eine Möglichkeit, die
Strukturgleichheit von Verstand und Erfahrung zu erklären? Tatsächlich erwähnt
Kant in der zweiten Auflage seiner »Kritik der reinen Vernunft« diese
Möglichkeit, versucht aber sogleich, sie zu widerlegen.
Wieder ist Kants Hauptargument
die angebliche Notwendigkeit der Kategorien. Wie aber, wenn diese Notwendigkeit
gar nicht bestünde? Wenn die Naturgesetze gar nicht die allgemeine und
notwendige Geltung besäßen, die Kant ihnen zuschreibt?
Gibt es sicheres Wissen über die Welt?
Auf der einen Seite ist es ein
Grundbedürfnis des Menschen, sich auf sein Wissen verlassen zu können; auf der
anderen Seite versucht die Philosophie schon immer, den Geltungsanspruch
menschlicher Erkenntnis zu überprüfen. Kann die Erkenntnistheorie unseren
Wunsch nach sicherem Wissen befriedigen? Das Ergebnis jahrtausendelangen
Nachdenkens ist im Grunde niederschmetternd.
Zuerst entdeckten kritische
Geister, daß die Welt nicht so ist, wie sie uns erscheint. Optische und andere
Sinnestäuschungen, Halluzinationen, Träume, unmögliche und doppeldeutige
Figuren sind nur Beispiele für diese Tatsache. Schon sie bedeuten eine
Widerlegung des naiven Realismus.
Außerdem gerät jede Haltung,
die sicheres Wissen postuliert, unweigerlich in das Münchhausen-Trilemma,
nämlich in eine unendliche Begründungskette, einen logischen Zirkel oder an
eine Stelle, wo sie gewisse Sätze einfach behaupten und sich mehr oder weniger
dogmatisch auf Evidenz, Autorität, Offenbarung, Mehrheit, angeborene Ideen oder
Ähnliches berufen muß.
Die Deduktion kann unser Wissen nicht erweitern, sondern allenfalls
Wahrheit bewahren. Die Sätze der Logik sind
zwar sicher, aber leer. Nicht besser steht es mit der Mathematik. Soweit mathematische Theorien überhaupt über die Logik
hinausführen, beruhen sie auf Axiomen, aus denen mit Hilfe logischer Schlüsse
auf weitere Sätze (Theoreme) geschlossen wird. Es wird also gezeigt, welche
Sätze wahr sind, wenn man die Axiome
als wahr unterstellt. Ob die Axiome wahr sind, das kann der Mathematiker nicht
entscheiden, schon deshalb nicht, weil in jedem Axiom undefinierte Begriffe
auftreten, die im Rahmen der mathematischen Theorie gar keine Bedeutung haben.
Deshalb sagt Bertrand Russell einmal spöttisch: »Mathematik ist ein Gebiet, bei
dem wir nie wissen, wovon wir eigentlich reden, und ob das, was wir sagen, auch
wahr ist.«
Induktion hilft uns nicht weiter. Wahrheitsbewahrende
Erweiterungsschlüsse gibt es nicht. Sicheres Wissen über die Welt ist also
weder durch Deduktion noch durch Induktion zu gewinnen. So können wir nicht
einmal den Solipsisten widerlegen, der sein augenblickliches Bewußtsein für
allein existent hält. Das einzige, dessen ich sicher sein kann, ist die
Existenz meines Bewußtseins; und gerade diese Gewißheit ist kein Wissen im
üblichen Sinne, da sie nicht übertragbar, also auch nicht intersubjektiv
prüfbar ist.
Wie steht es mit den
angeborenen Ideen? Der inzwischen empirisch
gelieferte Nachweis, daß es solche tatsächlich gibt, hätte die
Rationalisten sehr befriedigt, die das schon immer behauptet hatten. Aber sicheres Wissen liefern sie nicht.
Genetisch übertragene Information ist zwar immer brauchbar und in den meisten
Fällen auch zuverlässig, aber doch nicht unfehlbar. Daß solche »uns mit unserer
Existenz zugleich eingepflanzte Anlagen zum Denken« die gewünschte Notwendigkeit
nicht aufweisen, das hat Kant ganz richtig gesehen.
Aber auch die von uns
formulierten Naturgesetze haben nicht den Notwendigkeitscharakter, den Kant
ihnen zuschreibt. Insbesondere ist die Newtonsche Mechanik - die einzige
zu Kants Zeit ausgearbeitete naturwissenschaftliche Theorie - nicht nur
hypothetisch und korrigierbar, sondern längst als falsch erkannt und durch
Relativitäts- und Quantentheorie ersetzt. Es ist allerdings
wissenschaftshistorisch und psychologisch verständlich,
wie man aufgrund der ausnahmslosen Erfolge der Newtonschen Mechanik über
mehr als hundert Jahre zu der Überzeugung kommen konnte, sie sei
uneingeschränkt gültig und enthalte sogar notwendige Wahrheiten. Wenn dies aber
gar nicht der Fall ist, dann erübrigt sich auch für den Erkenntnistheoretiker
die Aufgabe, die Möglichkeit notwendiger Wahrheiten über die Welt zu erklären. Was es nicht gibt, braucht man
auch nicht zu erklären. Zwar halten wir fest an der erfahrungskonstitutiven
Rolle der subjektiven Erkenntnisstrukturen, wie Kant sie betont hat; doch
kommen wir durchaus ohne den Kantischen Anspruch auf Notwendigkeit und
Allgemeingültigkeit aus.
Was bleibt uns dann eigentlich?
Erkenntnistheoretische Sicherheit jedenfalls nicht. Entgegen der Hoffnung
vieler Philosophen gibt es keinen Königsweg zum Wissen, auch nicht in der
Erkenntnistheorie. All unser Wissen ist Vermutungswissen, hypothetisch,
vorläufig und korrigierbar.
Der hypothetische Charakter all
unserer Erkenntnis gilt natürlich auch für diese Einsicht; sie ist auf sich
selbst anwendbar. Aber darin liegt kein Widerspruch: Daß all unser Wissen
hypothetisch ist, bedeutet, auf sich selbst bezogen, nur, daß auch dies falsch
sein könnte. Ist es aber falsch, ist
also das Gegenteil wahr, so wäre damit natürlich nicht alle Erkenntnis sicher,
sondern nur nicht alles unsicher. Hierin liegt noch kein Widerspruch.
Der grundsätzlich vorläufige
Charakter aller menschlichen Erkenntnis bedeutet freilich nicht, daß unser
Wissen völlig unverbindlich bleiben müßte, daß wir - da es nicht beweisbar
ist - ebensogut darauf verzichten könnten. Die Wissenschaftstheorie hat
Kriterien entwickelt, nach denen eine erfahrungswissenschaftliche Theorie zu
bewerten ist. Unverzichtbare Merkmale einer guten Theorie sind danach innere
und äußere Widerspruchsfreiheit, Erklärungswert und Prüfbarkeit. Die gleichen
Forderungen stellen wir auch an jede erkenntnistheoretische Position, die wir
ernst zu nehmen bereit sind:
Sie muß in sich
widerspruchsfrei sein (interne Konsistenz); sie muß mit den anerkannten Fakten
der empirischen Forschung vereinbar sein (externe Konsistenz); sie muß unsere
erkenntnistheoretischen Fragen beantworten, insbesondere das Zustandekommen von
Erkenntnis erklären können (Erklärungswert); sie muß an empirischen Fakten
prüfbar sein (Prüfbarkeit).
Ein Versuch, diese Forderungen
zu erfüllen, ist die projektiv‑evolutionäre Erkenntnistheorie. Ihr sind
die weiteren Abschnitte dieses Beitrags gewidmet.
Das projektive Modell
Wie alle Theorien muß auch die
projektive Erkenntnistheorie von gewissen Annahmen ausgehen, die ihrerseits
zwar vielleicht plausibel sind, aber doch nicht bewiesen werden können. Solche
Postulate sind: Existenz einer bewußtseinsunabhängigen, gesetzlich
strukturierten und zusammenhängenden Welt, teilweise Erkennbarkeit und Verstehbarkeit
dieser Welt durch Wahrnehmung, Erfahrung und eine intersubjektive Wissenschaft.
Der Kürze halber werden wir diese Annahmen unter der Bezeichnung
»hypothetischer Realismus« zusammenfassen. Dieses Etikett macht einerseits
deutlich, daß es sich um eine realistische Position handelt; es betont
andererseits den hypothetischen Charakter unseres Wissens, wie er sich aus
allen bisherigen Abschnitten, vor allem aus dem letzten, ergibt.
Unsere Umwelt ist
dreidimensional: Es gibt drei paarweise aufeinander senkrecht stehende
Richtungen. Dreidimensionale Gegenstände können wir uns auch vorstellen, Kugeln
zum Beispiel oder einen Würfel. Das zweidimensionale Analogon zu einem Würfel
ist ein Quadrat. Er hat aber auch ein vierdimensionales Analogon, den
Hyperwürfel (Abb. 1); er hat 16 Ecken, 32 Kanten, 24 Flächen und 6 begrenzende
Räume. Einen Hyperwürfel können wir uns nicht vorstellen, wohl aber seine
Projektion in den dreidimensionalen Raum (als Drahtgebilde) oder auf die
zweidimensionale Papierebene (als Strichzeichnung). Umgekehrt ist es durchaus
möglich, aus Projektionen des Hyperwürfels das Urbild zu rekonstruieren. Unsere
Anschauung läßt uns dabei zwar im Stich; aber der mathematische Formalismus
leistet das Gewünschte.
Wir können uns auch
Flächenwesen vorstellen, die vor einer entsprechenden Aufgabe stehen. Sie leben
in einer dreidimensionalen Welt, seien aber selbst im wesentlichen
zweidimensional und an eine Ebene oder auch Kugeloberfläche als ihren
Lebensraum gebunden. In dieser Fläche erleben sie nur zweidimensionale Objekte
und Bilder und können sich deshalb auch nur flächige Gebilde vorstellen. Die
Mathematiker unter ihnen könnten jedoch die »heimische« Flächengeometrie zu
einer mehrdimensionalen Geometrie erweitern und dabei in Analogie zu unserem
Hyperwürfel ein »Superquadrat« (unseren gewöhnlichen Würfel) erfinden, für sie
unvorstellbar, aber mathematisch erfaßbar und aus seinen Projektionen
rekonstruierbar (Abb. 2).
Es wäre dann ein wahrhaft
kopernikanischer Schritt solcher Flächenwissenschaftler, anzunehmen, daß sie
eigentlich in einer dreidimensionalen Welt leben und daß ihre Erlebnisse und
Sinneseindrücke nur Projektionen dreidimensionaler Objekte auf ihre Erfahrungs‑»Ebene«
sind. Sie würden dann versuchen, Auskunft über diese wahre Welt zu erhalten, die
hinter ihren Erscheinungen steht, und würden dabei möglicherweise zu
allgemeinen Naturgesetzen kommen, die sich nur
in einem dreidimensionalen Raum formulieren lassen, die aber ihre
zweidimensionalen Erfahrungen adäquat als Projektionen beschreiben. Sie würden
diese Tatsache als Argument dafür einsetzen, daß ihre Annahme korrekt ist, daß
also ihre Welt wirklich dreidimensional
ist.
Sind wir nicht in einer
ähnlichen Situation? Sind wir nicht darauf angewiesen, aus Sinneseindrücken
eine »wahre Welt« zu rekonstruieren? So wie sich das Verhältnis von Objekt und
Netzhautbild projektiv deuten läßt, so können wir ganz allgemein das Verhältnis
von Realität und Sinneseindrücken am Modell einer graphischen Projektion
illustrieren. Die Struktur eines durch Projektion entstandenen Bildes hängt ab
von
der Struktur des Gegenstandes, |
z. B. Würfel, Pyramide, Kugel; |
der Art des Projektionsmechanismus, |
z. B. Parallel-, Zentralprojektion; |
der Struktur des auffangenden Schirms, |
z. B. Farb- oder Schwarzweißfilm, |
|
Korn, Empfindlichkeit |
.
Kennt man diese drei
Bestimmungsstücke, so kann man das Bild konstruieren, alle Eigenschaften des
Projektionsergebnisses logisch ableiten. Das Bild wird dabei nicht in allen
Einzelheiten mit dem Original übereinstimmen. Im allgemeinen wird der
Informationsgehalt durch Projektion verringert. Es bleibt jedoch immer eine
gewisse partielle Isomorphie (Strukturgleichheit)
zwischen Objekt und Bild bestehen.
Deshalb kann man hoffen, daß sich auch das projizierte
Objekt aus einer oder mehreren Projektionen ermitteln läßt. Diese Leistung muß
laufend von unserem Gehirn erbracht werden, wenn wir etwas sehen. Aus zweidimensionalen Projektionsbildern auf der Netzhaut
muß das Gehirn dreidimensionale Objekte rekonstruieren.
Dasselbe geschieht, wenn wir ein Bild, eine Photographie oder ein Gemälde
betrachten, die ja auch nur zweidimensional sind, aber als Darstellungen
dreidimensionaler Objekte interpretiert werden.
Diese Interpretation erfolgt automatisch, unbewußt und über die Verrechnung
verschiedener Tiefenkriterien, die dem Psychologen und dem Physiologen
wohlbekannt sind. Sie stellt eine ratiomorphe Leistung dar, die auch rational
erbracht werden kann. Sogar Computer können heute einfache (geradlinig
begrenzte) Strukturen aus ihren zweidimensionalen Projektionen rekonstruieren.
Bei dieser Rekonstruktion (beim
Sehen, Wahrnehmen) dreidimensionaler Gegenstände muß unser Gehirn (wie auch der
Computer) versuchen, die Information zurückzugewinnen, die bei der Projektion
verlorenging. Während also die Konstruktion eines Projektionsbildes bei
vorgegebenem Objekt, Projektionsmechanismus und Schirm eindeutig, das heißt
deduktiv zwingend, ist, bleibt der umgekehrte Vorgang, die Rekonstruktion
dieses Objekts, hypothetisch, sogar
dann, wenn Bild, Projektionsart und Schirm vollständig bekannt sind. Schon
jeder Wahrnehmungsakt ist eine versuchte interne Rekonstruktion äußerer Objekte
aus reichlich chaotischen Sinneseindrücken. Meistens ist diese Rekonstruktion
erfolgreich, manchmal aber auch nicht. Unser Wahrnehmungsapparat arbeitet also
zuverlässig, wenn auch nicht perfekt. (Dies ist eine Tatsache, die durchaus
einer Erklärung bedürftig und fähig ist; s. den Abschnitt »Evolutionäre
Erkenntnistheorie«.)
Die Analogie zwischen
graphischer Projektion, visueller Wahrnehmung und unserer Erkenntnissituation
im allgemeinen wird besonders deutlich in Tabelle 2
.
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graphische Projektion |
visuelle Wahrnehmung |
menschliche
Erkenntnis (faktisches
Wissen) |
|
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projiziertes
Objekt |
Würfel |
reale
Welt (Wirklichkeit, das Objektive, Ding
an sich) |
|
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Projektionsart |
Lichtwellen,
Photonen |
Signale
(elektromagnetische Wellen, Schallwellen, Moleküle, Energie) |
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Aufnahmeschirm |
Netzhaut |
Erkenntnisapparat
(Sinnesorgane, Zentralnervensystem und Gehirn) |
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Bild |
Netzhautbild
des Würfels |
Sinneseindrücke |
|
|
rekonstruiertes
Objekt |
gesehener
Würfel |
Wahrnehmung,
Erfahrung, wissenschaftliche Erkenntnis |
|
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|
|
Das projektive Modell spiegelt
also das Verhältnis, in dem Wirklichkeit und Wirklichkeitserkenntnis stehen.
Dabei ist der Begriff der Projektion nicht auf die graphische Projektion
beschränkt. Auch das Gehör entschlüsselt die akustischen Reize dreidimensional.
Die Richtung der Schallquelle wird dabei aus der Laufzeitdifferenz ermittelt,
mit der die Schallwellen an den beiden Ohren ankommen. Diese geringfügige
Verzögerung wird als solche gar nicht wahrgenommen und kann auch durch große
Aufmerksamkeit nicht bewußtgemacht werden, sondern sie wird sofort als
Richtungskriterium interpretiert und verrechnet. Aus Lautstärke und Klang wird
sogar die Entfernung einer Schallquelle erschlossen: Die Lautstärke nimmt mit
zunehmender Entfernung ab, die Tonreinheit wegen stärkerer Absorption der
Obertöne zu. Die Fähigkeit zur akustischen Lokalisation ist gerade bei Blinden
besonders gut ausgebildet.
So liefern alle Wahrnehmungen schon eine gewisse Rekonstruktion äußerer
Objekte. Aber auch die Wahrnehmung ist nur die unterste Stufe dieses
Rekonstruktionsversuchs, nur ein Spezialfall unseres Bemühens um objektive
Erkenntnis. Weitere Stufen sind Erfahrung und wissenschaftliche Erkenntnis.
Der Stufenbau
menschlicher Erkenntnis
Die projektive
Erkenntnistheorie deutet Sinneseindrücke als Projektionen realer Strukturen auf
unsere Peripherie, auf unsere Ober-»Fläche«, auf die »Ebene« unserer
Sinnesorgane. Unser Bemühen um Erkenntnis ist dann umgekehrt der Versuch, diese
realen Strukturen in unserem Gehirn zurückzugewinnen, also isomorphe Modelle
davon zu bilden. Dieser Versuch erfolgt in der Wahrnehmung unbewußt und
unkritisch, in der Erfahrung bewußt und unkritisch, in der Wissenschaft bewußt
und kritisch. Wir gelangen so zu einem Mehrschichtenmodell unserer Erkenntnis
(Abb. 3).
Die unterste Stufe bilden die Empfindungen (»ich sehe etwas Rotes«,
»mir tut es hier weh«). Sie stellen noch keine Erkenntnis dar. Sie sind weder
hinreichend strukturiert noch intersubjektiv prüfbar. Auch müssen wir
Erkenntnis als eine dreigliedrige Beziehung auffassen, die zwischen dem
erkennenden Subjekt S, einem zu erkennenden Objekt O und dem besteht, als was O erkannt wird. Zwar genügt es
zu sagen »S empfindet O« , »S kennt 0«, aber nicht »S erkennt 0«, sondern nur
»S erkennt O als A«. Diese Bedingung
erfüllen erst die höheren Stufen Wahrnehmung, Erfahrung, theoretische
Erkenntnis. Erkenntnis besteht also nicht in einer passiven Spiegelung der Welt
im Bewußtsein, auch nicht im bloßen Erleben, sondern kommt erst durch eine
Bearbeitung und Strukturierung von Erlebnisinhalten und durch Vergleich mit
gespeicherten Mustern (Engrammen) im Gehirn zustande.
Wahrnehmung dagegen beruht bereits auf einer Verarbeitung und
Synthese solcher Inhalte. Diese Synthese ist ein aktiver Beitrag des Subjekts.
Der Beitrag kann perspektivisch, selektiv (auswählend) oder konstruktiv sein.
Wahrnehmung enthält so schon die typischen Merkmale der Erkenntnis: Sie ist
selektiv und erfahrungskonstitutiv und rekonstruiert äußere Objekte.
Die (vorwissenschaftliche) Erfahrung bezieht weitere Elemente in
den Erkenntnisprozeß ein: Sie macht - meist unkritisch - Gebrauch
von sprachlichen Mitteln, Verallgemeinerungen, Analogien, elementaren Schlüssen
und Gedächtnis. Sie übersteigt die Wahrnehmung und ist in der Lage, sie zu
korrigieren. Auch wenn wir die Zahnbürste im Wasserglas grundsätzlich geknickt
sehen, so wissen wir doch aus Erfahrung, daß
sie »in Wahrheit« nicht geknickt ist.
Die wissenschaftliche Erkenntnis geht auch noch über diese
Alltagserkenntnis weit hinaus. Sie arbeitet mit Abstraktionen, theoretischen
Begriffen und logischen Schlüssen. Sie ergänzt die Sinnesorgane (also den
»Projektionsschirm«) durch hochempfindliche Geräte, die auch auf Signale noch
ansprechen, von denen wir durch unsere Sinne unmittelbar nichts erfahren. Im
Experiment gewinnt sie gezielt Information (»Daten«) über das Bild der
Projektion und bildet zur Erklärung dieser Daten Hypothesen und Theorien, deren
Folgerungen sie wiederum kritisch überprüft. Sie kann - beispielsweise
mit Hilfe mathematischer Strukturen - Rekonstruktionen vornehmen, die der
Wirklichkeit viel näher kommen als Wahrnehmung und Erfahrung, weil sie über
einen weiteren Aufnahmebereich, mehr Projektionsarten, reichere Informationen
und genauere Daten verfügt. Wissenschaftliche Instrumente sind sozusagen die
apparative »Falle«, durch die wir reale Objekte auf die »Ebene« unserer Sinne
projizieren.
Die theoretische Erkenntnis weist
selbst eine innere Stufung auf. Je nachdem, wie weit wir uns von der Ebene der
Empfindungen entfernen, erhalten wir verschiedene Theoriegrade. Dabei steigen
wir zu immer umfassenderen Hypothesen, Naturgesetzen und Theorien auf.
Erkenntnisfortschritt besteht also nicht nur in einer Verbreiterung unseres
Wissens, in der Ansammlung immer neuer und genauerer Daten, sondern auch und
vor allem in der Vertiefung, in der
Aufstellung allgemeinerer und einheitlicherer Theorien.
Der Erkenntnisprozeß besteht
demnach in einer gestuften Rekonstruktion einer hypothetisch postulierten
Realität, einer schrittweisen Befreiung von den Fesseln unserer Sinnesorgane
(des Aufnahmeschirms oder Weltbildapparates). Dieser Weg verläuft in genau
umgekehrter Richtung wie die Projektion. Freilich stellt die Deutung eines
Bildes als Projektion eines Objekts
eine Annahme dar, die sich bewähren kann, aber keineswegs zwingend ist. Die
Interpretation der Projektion bleibt somit grundsätzlich hypothetisch.
Insbesondere läßt sich der projizierte Gegenstand nicht deduktiv »erschließen«,
eine Aussage, deren erkenntnistheoretisches Analogon uns schon mehrfach
begegnet ist.
Die Idee der Projektion ist in
der Erkenntnistheorie auch schon früher aufgetaucht. Freilich dient sie im
allgemeinen didaktischen Zwecken; sie soll etwas verdeutlichen, was im Prinzip
auch ohne dieses Bild erläutert werden könnte: Platons Ideenlehre am
Höhlengleichnis, Lockes Ablehnung angeborener Ideen an der camera obscura, die aktive Rolle des Subjekts anhand einer gespannten
Leinwand bei Leibniz. Die Frage, unter welchen Bedingungen Projektionen
überhaupt zustande kommen, wird dort nicht gestellt. In der projektiven
Erkenntnistheorie dagegen, für die das Projektionsmodell unverzichtbar ist, muß
diese Frage beantwortet werden.
Der Passungscharakter
unseres Erkenntnisapparates
Mit einem Schwarzweißfilm kann
man keine Farben unterscheiden, mit einem Photoapparat keine Töne registrieren,
mit einem Mikrophon keine Gerüche erkennen. In unserem projektiven Modell
müssen wir also annehmen, daß der Projektionsschirm, der die Signale aufnehmen
soll, für diese Signale auch tatsächlich empfänglich ist. Erkenntnistheoretisch
heißt das: Wenn überhaupt Erkenntnis über die Welt möglich sein soll, so muß
unser Erkenntnisapparat gerade für solche Reize empfindlich sein, die von der
Umwelt angeboten, von den realen Objekten ausgesandt werden. Eine solche
Passung liegt nun auch tatsächlich vor, wie wir schon mehrfach betont haben.
Der Begriff der »Passung« hat dabei drei Aspekte.
Erstens paßt unser Erkenntnisapparat in dem Sinne auf die Welt,
wie ein Werkzeug auf das Werkstück paßt. Eine Schraube kann man nicht mit einem
Faden, einer Taschenlampe, nicht einmal mit einem Schraubenschlüssel lösen. In
diesem Sinne paßt das menschliche
Auge zum Tageslicht, zum Strahlungsmaximum des Sonnenlichts und zum optischen
Fenster der Atmosphäre.
Das heißt nicht, daß das Auge
»sonnenhaft« sein müsse, wie Plotin oder Goethe meinten. Sonne und Auge haben
nichts gemeinsam; das Auge absorbiert und verarbeitet lediglich einige der
Signale, die von der Sonne ausgesandt, von der Atmosphäre durchgelassen und von
den meisten Gegenständen reflektiert werden. Ohne dieses Mindestmaß an Passung
wäre Erkenntnis unmöglich.
Zweitens ist Erkenntnis nützlich, indem sie nämlich für das
Überleben einen Vorteil bietet. Ist aber Erkenntnis nützlich in diesem Sinne,
so ist es auch die Passung zwischen äußeren Bedingungen und subjektivem
Erkenntnisapparat. Wir sehen also jede derartige Passung als Vorteil an. Tabelle 3 stellt solche vorteilhaften
Passungen zusammen.
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Passungen |
Vorteile |
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Auge |
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Die Empfindlichkeit der Netzhaut liegt gerade im |
Normale Gegenstände reflektieren das Sonnen- |
|
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optischen Fenster" der Erdatmosphäre und um |
licht und können so gesehen, verfolgt oder |
|
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das Intensitätsmaximum der Sonnenstrahlung. |
vermieden werden. |
|
|
Verschiedene Wellenlängen werden als verschie- |
Gegenstände werden leichter und zuverlässiger |
|
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dene Farben wahrgenommen. |
erkannt und unterschieden. |
|
|
Aber eine Überlagerung aller Wellenlängen wird |
Normalbeleuchtung ist informationslos. Nur Abwei- |
|
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nicht als buntes Gemisch, sondern als farbloses |
chungen von der Normalverteilung bieten Informa- |
|
|
(„weißes") Licht interpretiert. |
tion und sind es wert, wahrgenommen zu werden. |
|
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Die untere Empfindlichkeitsschwelle eines Photo- |
Gelegentliche Störungen der Sehzellen, spon- |
|
|
rezeptors in der Netzhaut liegt bei einem einzigen |
tanes Feuern und die statistischen Schwankungen |
|
|
Lichtquant. Aber nur die gleichzeitige Reizung |
des Photonenstroms („Rauschen") sind infor- |
|
|
mehrerer benachbarter Sehzellen führt zu einer |
mationslos und werden durch diese Zensur aus- |
|
|
Lichtempfindung im Bewußtsein. Die Verschaltung |
geschieden. |
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der Sehnerven übt also eine Zensur der Reize aus. |
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Ohr |
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Schallwellen sind mechanische Schwingungen |
Sonst würden sogar die Knochenbewegungen |
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(i. a. der Luft), die das Trommelfell zum Schwingen |
gehört, und die regellose Brownsche Bewegung |
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bringen. Wir vermögen Töne zu hören, bei denen |
der Luftmoleküle, die ebenfalls informationslos ist, |
|
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die Auslenkung des Trommelfells dem Radius |
würde als fortwährendes Rauschen empfunden. |
|
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eines einzigen Wasserstoffatoms entspricht. |
|
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Geringere Ausschläge werden zwar vom Ohr noch |
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registriert, aber nicht mehr als Geräusche |
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wahrgenommen. |
|
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Andere
Sinne |
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Giftige Gase oder Substanzen riechen bzw. |
So werden sie „instinktiv" verabscheut und ver- |
|
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schmecken „scheußlich". |
mieden. |
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Ausnahme: Kohlenmonoxid (CO) ist hochgiftig, |
Dies bedeutete jedoch keinen Nachteil in der |
|
|
aber für uns nicht nur unsichtbar, sondern auch |
Evolution: CO trat praktisch nie auf. |
|
|
geruchlos. |
|
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Die Tatsache, daß unsere
subjektiven Erkenntnisstrukturen gut auf die realen Strukturen passen in dem
Sinne, daß durch ihr Zusammenspiel Erkenntnis möglich wird, bedeutet nicht, daß diese Erkenntnis, diese interne
Rekonstruktion äußerer Strukturen, immer korrekt sein müßte. Wir wissen zum
Beispiel, daß Farben, Töne, Geruch und Geschmack ganz subjektiv sind. Wir
wissen, daß der (psychologische) Farbenkreis geschlossen ist (durch die
»erfundene« Farbe Purpur), während das sichtbare (physikalische) Spektrum
zweiseitig offen ist (und keine einzelne Wellenlänge den Eindruck »purpur«
erzeugen kann). Gleichwohl paßt der
Farbenkreis sehr gut auf die Bedingungen der äußeren Welt (indem er über das
Prinzip der Komplementärfarben Farbkonstanz ermöglicht) und dient auch den Bedürfnissen des
Organismus (indem er das Wiedererkennen von Objekten unter verschiedenen
Beleuchtungen ermöglicht oder erleichtert). Passung schließt also nicht immer
Strukturgleichheit ein. In einigen Fällen geht sie jedoch auch weiter.
Drittens also passen einige subjektive Strukturen sogar in dem
Sinne auf die Welt, daß sie mit ihnen übereinstimmen.
Dann gibt es eine gewisse Strukturgleichheit, eine partielle Isomorphie
zwischen subjektiven und objektiven Strukturen.
Beispielsweise sehen (rekonstruieren) wir die Dinge der
äußeren Welt dreidimensional und wissen zugleich aus der Physik, daß sie
wirklich dreidimensional sind. Wenn wir verschiedene Farben sehen, dann sind die Wellenlängen auch
tatsächlich verschieden. Wenn immer
wir Unterschiede wahrnehmen, dann
gibt es auch einen Unterschied in der
Realität. Die Umkehrung gilt nicht: Nicht alle Unterschiede, die in der Welt
(objektiv) existieren, werden von uns erkannt; unser Auflösungsvermögen ist
beschränkt, und wir versuchen, es durch instrumentelle Hilfsmittel zu
verbessern. Nach Tabelle 3 hat aber auch diese Beschränkung häufig durchaus
Passungscharakter (wenn nämlich höhere Empfindlichkeit des Organs keine
zusätzliche Information mehr liefern könnte). Offenbar hat die Begrenztheit
unserer Sinne das Überleben der menschlichen Art nicht verhindert. So finden
wir nicht nur in den Leistungen, sondern auch in den Beschränkungen unseres
Erkenntnisapparates eine gewisse Passung. Diese Passung verlangt nach einer
Erklärung.
Evolutionäre
Erkenntnistheorie
Wie kommt es, daß subjektive
und objektive Strukturen so gut aufeinander passen, teilweise sogar
übereinstimmen? Die meisten Philosophen waren der Meinung, daß diese
Übereinstimmung kein Zufall, sondern einer Erklärung bedürftig sei. Die
Evolutionäre Erkenntnistheorie (Lorenz 1973, Vollmer 1975) gibt darauf eine
biologisch orientierte Antwort:
Unser Erkenntnisapparat ist ein Ergebnis der biologischen Evolution. Die
subjektiven Erkenntnisstrukturen passen auf die Welt, weil sie sich im Laufe
der Evolution in Anpassung an diese reale Welt herausgebildet haben. Und sie
stimmen mit den realen Strukturen (teilweise) überein, weil nur eine solche
Übereinstimmung das Überleben ermöglichte.
Die Evolutionäre
Erkenntnistheorie beantwortet also eine alte philosophische Frage über eine
relativ junge biologische Theorie, nämlich die Evolutionstheorie. Die
unleugbare und zum Teil verblüffende Passung
wird dabei als Ergebnis einer Anpassung
erklärt, die den beiden großen Baumeistern der Evolution, Mutation und
Selektion, unterworfen war. Nicht nur Sinnesorgane, Zentralnervensystem und
Gehirn sind evolutiv entstanden, sondern natürlich auch ihre Funktionen: Sehen, Wahrnehmen,
Gedächtnis, Erkennen, Denken, Sprechen.
Eine solche These erscheint
vielen Geisteswissenschaftlern kühn, dem Biologen dagegen geradezu zwingend.
Wenn wir diese evolutionäre Antwort - wenigstens versuchsweise - akzeptieren, dann können wir zahlreiche Einsichten der Evolutionstheorie in die
Erkenntnistheorie übertragen.
Zunächst einmal wird durch
diesen Schritt der Bereich erkenntnistheoretischer Fragestellung und Diskussion
erheblich erweitert. Die
traditionelle Erkenntnistheorie hatte als ihr Untersuchungsobjekt die
»Erkenntnis« des erwachsenen Kulturmenschen angesehen. Die Evolutionäre
Erkenntnistheorie dagegen bezieht nicht nur die individuelle Entwicklung der
Erkenntnisfähigkeit beim heranwachsenden Kinde ein, also den ontogenetischen
Aspekt (der z. B. Gegenstand von Jean Piagets »genetischer Erkenntnistheorie«
ist; s. den Beitrag von V. Gamper in Bd. IV dieser Enzyklopädie), sondern auch
ihre stammesgeschichtlichen Wurzeln, also den phylogenetischen Aspekt, und die
ganze genetisch bedingte Bandbreite kognitiver Merkmale, die Unterschiede zwischen Individuen, Rassen
und Arten. Kein Wunder also, daß gerade die vergleichende Verhaltensforschung -
früher durchaus angemessen »Tierpsychologie« genannt - zu den Wurzeln der
Evolutionären Erkenntnistheorie gehört.
Nun wissen wir aus der
Evolutionstheorie, daß die Anpassung eines Organismus an seine Umwelt nie ideal ist. Eine ideale Anpassung
wäre einerseits sehr aufwendig; andererseits ist sie gar nicht erforderlich und
auch kaum möglich, weil dem Selektionsdruck ein Mutationsdruck entgegenwirkt
und weil auch die Umwelt sich laufend ändert. So ist auch unser
Erkenntnisvermögen, ist insbesondere die Passung zwischen Erkenntnisapparat und
Umwelt keineswegs vollkommen.
Das ist uns natürlich längst
bekannt. Die Evolutionäre Erkenntnistheorie behauptet hier nicht etwas Neues,
sondern sie erklärt Altbekanntes.
Seit Jahrtausenden wußten Leute, daß ein Apfel zu Boden fällt, wenn man ihn
losläßt. Aber erst Newton konnte es erklären.
Warum ist der Himmel blau? (Auf dem Mond ist er schwarz!) Warum wird es
nachts dunkel? (Olberssches Paradoxon!) Die Erklärung einer »trivialen«
Tatsache braucht keineswegs trivial zu sein.
Obwohl die Passung unseres
Erkenntnisapparates nicht ideal ist und nicht ideal sein kann, ist sie auch nicht
gar zu schlecht. Daß eine gewisse Passung
und sogar eine gewisse Isomorphie zwischen subjektiven und objektiven
Strukturen besteht, haben wir bereits im letzten Abschnitt gesehen, und es war
auch Anlaß zu unserer Hauptfrage (wie kommt es zu dieser Passung?). Wie weit
Passung und Isomorphie reichen, ist eine empirische Frage. Immerhin gibt die
Evolutionäre Erkenntnistheorie eine prinzipielle
Antwort: Die Passung muß wenigstens so weit reichen, daß die wesentlichen
Bedürfnisse des Organismus im allgemeinen und des Menschen im besonderen
befriedigt werden; sie muß überlebens‑adäquat
sein.
Nehmen wir ein Beispiel.
Baumlebende Tiere wie Affen, die von Ast zu Ast und sogar von Baum zu Baum
springen, müssen irgendwie die räumliche Struktur ihrer Lebenswelt bewältigen.
Nur wenn sie die Entfernung eines Astes richtig einschätzen, wird ihre
Greifhand im richtigen Moment zufassen. Dazu müssen sie die dreidimensionalen
Objekte ihrer Umwelt aus zweidimensionaler Netzhautinformation rekonstruieren,
also wahrnehmen. Es ist also kein Zufall, daß wir Menschen eine so gute
Raumwahrnehmung besitzen: Wir verdanken sie unseren baumbewohnenden Vorfahren!
»Um es grob, aber bildhaft
auszudrücken: Der Affe, der keine realistische Wahrnehmung von dem Ast hatte,
nach dem er sprang, war bald ein toter Affe - und gehört daher nicht zu
unseren Urahnen« (Simpson 1963, 84).
Erkenntnistheoretisch kann man
jede subjektive Erkenntnisstruktur als eine Hypothese über die Struktur der Welt auffassen. Diese Hypothese ist -
da biologisch oder gar genetisch bedingt - meist unbewußt und
unkorrigierbar. Evolution ist also biologisch
ein Prozeß von Mutation und Selektion, erkenntnistheoretisch
dagegen ein Prozeß von Vermutungen und Widerlegungen, ein Zusammenhang, den
vor allem Karl Popper betont. »Leben ist ein erkenntnisgewinnender Prozeß«,
sagt Konrad Lorenz, einer der Väter der Evolutionären Erkenntnistheorie.
Im allgemeinen sind richtige Hypothesen auch für die
Arterhaltung günstiger als falsche. Falsche Hypothesen werden, wenn ihre
Falschheit für das Überleben relevant ist, in der Evolution eliminiert.
Hypothesen dagegen, die den evolutiven Erfolg erhöhen, werden beibehalten (bzw.
langfristig durch noch geeignetere ersetzt). So führt dieser Prozeß von
Mutation und Selektion, von Versuch und Irrtumsbeseitigung, von Vermutung und
Widerlegung, von Hypothese und Test, zu der erwähnten partiellen Isomorphie
zwischen Welt und Erkennen. Wieder können wir aufgrund evolutionärer Prinzipien
allein nicht angeben, wie weit diese Isomorphie reicht. Sie könnte ziemlich
gut, im Prinzip sogar vollständig
sein; objektive Erkenntnis ist möglich, aber
nicht garantiert (und, wie wir bereits wissen, niemals als solche ausweisbar).
Offenbar geht die Evolutionäre
Erkenntnistheorie davon aus, daß es angeborene Ideen, das heißt genetisch
übertragene Information über die Welt, gibt. Dieses Vorwissen steckt in den
Sinnesorganen, im Zentralnervensystem, im Gehirn. In einer Welt, in der es
keine elektromagnetische Strahlung im sichtbaren Bereich gibt, hätten sich
keine Augen entwickelt. Wozu hätten sie auch dienen können? Wir sehen, hören,
fühlen gerade dort, wo es etwas zum Sehen, Hören, Fühlen gibt.
Unser Erkenntnisapparat ist
darauf vorbereitet, optische Reize dreidimensional zu entschlüsseln; er
arbeitet mit der Hypothese, die
visuell wahrnehmbaren Objekte seien dreidimensional. Solche Hypothesen sind
unabhängig von aller individuellen Erfahrung, also ontogenetisch a priori. In den meisten Fällen sind sie auch
richtig. Und soweit sie Erkenntnis erst ermöglichen und gestalten, sind sie
sogar erfahrungskonstitutiv oder transzendental im Kantischen Sinne. Aber
selbst diese genetische Information ist erst im Laufe der Evolution entstanden;
sie wurde getestet und bei Bewährung beibehalten. Sie ist ein Ergebnis guter
und schlechter Erfahrungen aus Tausenden
und Millionen von Jahren, also phylogenetisch
a posteriori.
Obwohl demnach die Evolutionäre
Erkenntnistheorie erfahrungsunabhängiges, das heißt apriorisches Wissen
anerkennt, zerstört sie doch den Kantischen Begriff des Apriori : Dieses Wissen
über die Welt ist zwar angeboren, aber nicht notwendig wahr. Die Evolutionäre
Erkenntnistheorie ist also bescheidener und zugleich anspruchsvoller als Kants
Transzendentalphilosophie: bescheidener, weil sie nicht vorgibt, notwendiges
oder absolutes oder sicheres Wissen zu liefern oder zu verbürgen;
anspruchsvoller, weil nach dem projektiven Modell durchaus die Aussicht
besteht, die Welt an sich zu erkennen,
nämlich hypothetisch zu rekonstruieren.
Kant hat seinen Standortwechsel
gern als kopernikanische Wende gesehen. Tatsächlich war sein Schritt
epochemachend; aber er entspricht eher einer ptolemäischen Gegenrevolution.
Denn erkenntnistheoretisch setzte er
den Menschen wieder in den Mittelpunkt der Welt, von wo Kopernikus ihn kosmologisch vertrieben hatte. Erst die
Evolutionäre Erkenntnistheorie nimmt den erkennenden Menschen wieder aus seiner
zentralen Stellung als »Gesetzgeber der Natur« heraus und macht ihn zu einem
Beobachter kosmischen Geschehens, das ihn einschließt, in dem er aber seine
Rolle meist weit überschätzt hat. Erst
die Evolutionäre Erkenntnistheorie vollzieht also eine echte kopernikanische
Wende in der Erkenntnistheorie. Sie erlaubt es deshalb auch, den Menschen
in vieler Hinsicht in einer etwas bescheideneren Perspektive zu sehen.
Mensch und Mesokosmos
Die menschliche
Erkenntnisfähigkeit ist ein Ergebnis der Evolution. Das bedeutet natürlich
nicht, daß alles menschliche Wissen genetisch determiniert wäre. Die
Evolutionäre Erkenntnistheorie beschreibt oder erklärt auch gar nicht die
Evolution menschlichen Wissens; das ist eine Aufgabe der Kulturgeschichte und
der Wissenschaftstheorie. Während genetische Prozesse beim Menschen
Zehntausende von Jahren in Anspruch nehmen, ist Wissenschaft eine Erscheinung
der letzten Jahrhunderte oder allenfalls Jahrtausende. Biologisch hat sich in dieser Zeit praktisch nichts geändert. Wäre
Aristoteles zweitausend Jahre später geboren, so wäre er vielleicht ein Leibniz
geworden, Archimedes wäre ein Gauß, Euklid ein Hilbert. Selbst Noah hätte keine
Schwierigkeiten, Molekularbiologie zu studieren oder Astronaut zu werden. Der
Unterschied zwischen ihrem und unserem Wissen ist kulturell bedingt.
Die Evolutionäre
Erkenntnistheorie behauptet also nicht, kulturelle Evolution gebe es nicht, sie
sei unerheblich oder sie genüge ausschließlich biologischen Gesetzen. Das
Gegenteil ist richtig. Erst die kulturelle Evolution hat zu dem geführt, was
wir als das typisch Menschliche ansehen, und die jeweiligen Evolutionsgesetze
sind auch durchaus verschieden. Allerdings hört die biologische Evolution nicht
einfach dort auf, wo die kulturelle Evolution einsetzt; sie geht ‑ mit
kulturell veränderten Auslesebedingungen‑weiter.
So ist auch für die Zukunft
nicht zu erwarten, daß der Mensch biologisch unverändert bleiben werde. Gehirn
und Gehirnfunktionen sind weiterhin der Evolution unterworfen, freilich über
Zeitspannen, die nahezu jede Betrachtung über die zukünftige Evolution
menschlicher Erkenntnisfähigkeit zur reinen Spekulation machen. Und doch ist es
nicht ganz unnütz, sich klarzumachen, daß wir nicht notwendig den End-
oder Höhepunkt kognitiver Systeme darstellen.
Wir brauchen auch nicht
einmalig zu sein. Wie auf der Erde kann es
auch auf anderen Himmelskörpern intelligente Wesen geben, jedenfalls auf
Planeten, deren Zentralgestirn eine genügend lange Leuchtdauer hat, um die
Entstehung höheren Lebens zu erlauben. Gewiß würde sich die Erkenntnisfähigkeit
solcher Wesen von der unsrigen erheblich unterscheiden; aber sie müßten doch,
soweit unsere Erkenntnis objektiv ist, zu gleichen Ergebnissen kommen. Dies
würde eine erweiterte Art von intersubjektiver Kontrolle, sozusagen eine
»interplanetarische« oder gar »intergalaktische« Intersubjektivität, bedeuten,
ein schärferes Kriterium für objektive Erkenntnis (s. oben). Wir würden in
einem solchen Vergleich zweifellos erneut entdecken, wie sehr (und wie gut) wir
auf die speziellen Bedingungen geprägt sind, die unsere Umwelt kennzeichnen.
Die Welt, an die sich unser
Erkenntnisapparat in Jahrmillionen der Evolution angepaßt hat, weil er sie
wahrnehmend und handelnd zu bewältigen hatte, ist nur ein Teil der wirklichen
Welt. Es ist eine Welt der mittleren Dimensionen; sie reicht von Millimetern zu
Kilometern, von Sekunden zu Jahren, von Gramm zu Tonnen. Diese Welt nennen wir
»Mesokosmos«.
Auf den Mesokosmos sind die
Formen unserer Anschauung und unserer unmittelbaren Erfahrung geprägt.
Mesokosmische Strukturen können wir uns anschaulich vorstellen; jedoch müssen
wir damit rechnen, daß unser Anschauungsvermögen außerhalb dieses Bereiches
versagt. Tatsächlich sind die Theorien der Atom‑, Kern‑ und
Elementarteilchenphysik, also des ganz Kleinen, aber auch die der modernen
Kosmologie, also des ganz Großen, unanschaulich. Der modernen Physik wird diese
Unanschaulichkeit häufig zum Vorwurf gemacht ‑ zu Unrecht, wie wir nun
einsehen: Sie ist eine Folge unserer mesokosmischen Prägung.
Diese Prägung zeigt sich noch
in einer anderen Richtung. Auch die Strukturen komplizierter Systeme sind nicht
mehr anschaulich; zur Einsicht in komplizierte Gefüge hat uns die Evolution
nicht vorbereitet. Besonders komplizierte Systeme sind die Organismen; sie sind
durchstrukturiert von der
makroskopischen bis hinunter zur molekularen Ebene. Die Lebenserscheinungen - Stoffwechsel, Wachstum, Entwicklung, Reizbarkeit, Vermehrung, Artenwandel
- sind deshalb besonders schwer zu erklären.
Das komplizierteste System
schließlich, das die Evolution bisher hervorgebracht hat, ist das Gehirn. Kein
Wunder, daß wir Schwierigkeiten haben, es zu durchschauen. Insbesondere zeigen
viele Gehirnprozesse einen Innenaspekt, eine subjektive Seite, die wir ganz
anders erleben als den bei allen anderen Systemen allein zugänglichen
Außenaspekt. Diese Verschiedenheit des Erlebens führt zum Leib-Seele-Problem,
zur Frage nach dem Verhältnis von Seele, Geist, Bewußtsein zum Gehirn. Die
Evolutionäre Erkenntnistheorie steht in dieser Frage eindeutig zu einer Identitätsauffassung, nach der
psychische und physische Prozesse nur verschiedene Aspekte ein und desselben
Vorgangs sind.
Auch die ratiomorphen
Hypothesen, auf die unser Erkenntnisapparat programmiert ist, sind nur
mesokosmisch getestet und bewährt; außerhalb können sie versagen. Weil sie jedoch biologisch verankert sind,
bleiben sie unkorrigierbar, selbst wenn sie auf rationalem Wege als falsch
erkannt wurden. Die Evolutionäre Erkenntnistheorie führt also zu der Einsicht,
daß wir unseren »natürlichen« Überzeugungen nicht zu sehr vertrauen sollten,
nicht der Erwartung, daß nach einer Serie Rot beim Roulette nun doch endlich
und mit um so größerer Wahrscheinlichkeit Schwarz kommen müsse, nicht der
Annahme, die Zusammenhänge der realen Welt ließen sich in lineare Kausalketten auflösen, nicht unserer naiven Zuversicht,
Evolution und Geschichte würden die Existenz oder gar den Fortschritt der Menschheit
schon garantieren, nicht der selbstherrlichen Behauptung, zu jedem Problem
werde sich auch rechtzeitig eine Lösung finden lassen.
Biologischen Systemen ist die
Garantie für ihre Stabilität oder gar Unsterblichkeit nicht einprogrammiert,
auch nicht dem Menschen oder der Menschheit. Wir führen eine riskierte Existenz
zwischen Naturgesetz und Selbstbestimmung. Auch stammesgeschichtliches Wissen
ist fehlbar und unter veränderten Umweltbedingungen sogar gefährlich. Gerade
das, was wir am sichersten zu wissen glauben, kann auf dem Prüfstand der
zukünftigen Evolution versagen, wie es jetzt auf dem Prüfstand rationaler,
theoretischer Erkenntnis versagt. Vielleicht gehört diese Tatsache zu den
wichtigsten anthropologischen Folgerungen der Evolutionären Erkenntnistheorie.
Sie ist nicht so sehr verschieden von der Sokratischen Einsicht: »Ach weiß, daß
ich nichts weiß.« Eben das wissen wir aber jetzt noch genauer!